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Wikipedia gegen Encyclopaedia Britannica: Vergleichstest falsch?

23.03.2006 | 11:16 Uhr |

Laut dem Wissenschaftsmagazin Nature sind Texte aus Wikipedia annähernd genauso gut wie die aus der Encyclopaedia Britannica. Das ließen die Macher der Encyclopaedia Britannica nicht auf sich sitzen und beauftragten externe Experten damit, die von Nature kritisierten Fehler (falsche Fakten, kritische Weglassungen und irreführende Stellungnahmen) nachzuprüfen. Das Ergebnis: Natures Vergleichstest ist nahezu wertlos, die Encyclopaedia Britannica fordert das Magazin unverzüglich zum Widerruf auf.

Ende letzten Jahres verglich das Wissenschaftsmagazin Nature 42 Artikel von Wikipedia mit denen der renommierten Encyclopaedia Britannica . Das Ergebnis: Beide Werke schnitten fast gleich gut ab, für das kostenlose Online-Lexikon war das ein Riesenerfolg ( die PC-WELT berichtete ). Doch mit einigen Monaten Verzögerung schlägt die Encyclopaedia Britannica jetzt zurück: Der Test sei vielen Punkten fehlerhaft, Natures Untersuchung deshalb wertlos und der Encyclopaedia Britannica somit Unrecht geschehen.

Die Stellungnahme mit dem Titel "massiv fehlerhaft" lässt an der Vorgehensweise von Nature kaum ein gutes Haar. So sei nahezu alles an der journalistischen Arbeit von Nature falsch und irreführend, angefangen von den Kriterien, mit denen Ungenauigkeiten identifiziert wurden bis hin zur Diskrepanz zwischen dem, was im Nature-Text tatsächlich stand und der dazu verfassten Überschrift, wie die Encyclopaedia Britannica kritisiert. Als die der Encyclopaedia Britannica den von Nature genannten Ungenauigkeiten nachging, stellten die Lexikonmacher fest, dass Nature seinerseits schlampig gearbeitet habe. Encyclopaedia Britannica bat deshalb Nature um die dem Test zugrunde liegenden Originaldaten, die Nature aber verweigerte.

Dutzende der von Nature in den Artikeln der Encyclopaedia Britannica festgestellten Ungenauigkeiten seien überhaupt keine solchen, wie das Britische Nachschlagwerk betont. Die Macher der Encyclopaedia Britannica gehen noch weiter: Einige der von Nature kritisierten Beiträge würden gar nicht aus der Encyclopaedia Britannica stammen, sondern von anderen aus dem gleichen Verlag stammenden Werken, für die andere Kriterien beim Verfassen der Texte gelten würden. Ein von Nature kritisierter Text stammt überhaupt nicht aus dem Verlag von Encyclopaedia Britannica! In einigen Fällen hätten die Tester von Nature sogar verschiedene Texte aus der Encyclopaedia Britannica neu zusammengefügt und dann bewertet.

Die Encyclopaedia Britannica räumt dabei durchaus ein, dass sie nicht fehlerfrei ist. Wo die Tester von Nature tatsächlich Fehler entdeckt haben, hätte die Encyclopaedia Britannica diese sofort korrigiert. Doch grundsätzlich nehmen die Lexikon-Macher für ihr Werk in Anspruch, dass es streng wissenschaftlich ist, ausgewogen urteilt und sorgfältig redigiert wird.

Die Überschrift des Nature-Tests behauptet, dass Wikipedia fast genauso zuverlässig sei wie die Encyclopaedia Britannica. Doch im Testbericht selbst steht laut Encyclopaedia Britannica etwas ganz anderes. Demnach käme Nature zu dem Ergebnis, dass Wikipedia um ein Drittel mehr Ungenauigkeiten beinhalte als die Encyclopaedia Britannica. Die Überschrift sei also viel reißerischer und Pro-Wikipedia, als es das Testergebnis zulässt. Erschwerend kommt laut Encyclopaedia Britannica aber noch hinzu, dass der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Nachschlagwerken tatsächlich noch viel größer sei, weil Nature bei der Encyclopaedia Britannica viele Ungenauigkeiten zu Unrecht festgestellt habe.

Die Encyclopaedia Britannica fordert deshalb Nature zum Widerruf auf. Für einen Journalisten ist das ein Desaster.

Sie können hier die Generalabrechung von Encyclopaedia Britannica mit Nature im englischen Original als PDF nachlesen.

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