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Wikipedia: Zahlt Microsoft für Einträge?

24.01.2007 | 14:51 Uhr |

Ein Software-Entwickler aus Australien behauptet, dass er von Microsoft ein Angebot bekommen hätte, bestimmte Einträge in Wikipedia zu bearbeiten. Seine Enthüllung hat eine hitzige Debatte über Ethik und Moral entfacht.

Rick Jelliffe, Chief Technology Officer der XML-Tool-Firma Topologi , hat eigenen Angaben zufolge ein Angebot von Microsoft bekommen, Wikipedia-Einträge zu den Bereichen ODF (Open Document Format) und OOXML (Microsoft Office Open XML) zu bearbeiten. In einem Blog-Eintrag erklärte Jelliffe , dass er das Angebot per Mail erhalten habe: Man suche jemanden, der "unabhängig aber freundlich“ sei und für "ausgewogenere" Artikel bei Wikipedia zu den Bereichen ODF und OOXML sorge.

Jelliffe, der das "The XML & SGML Cookbook“ schrieb, und eigenem Bekunden nach selten Microsoft-Produkte nutzt, wird das Angebot voraussichtlich annehmen. Er sieht sich aber nicht dafür angestellt, Pro-Microsoft-Losungen auszugeben, sondern Fehler auszubessern.

Thematisch heikel an der Geschichte ist, dass es sich bei ODF und OOXML um zwei miteinander konkurrierende Formate handelt. Microsoft hat OOXML kreiert, um etwas gegen ODF, ein von Sun und IBM und anderen Firmen unterstütztes Format, in der Hand zu haben. ODF findet Anklang bei Nutzern, die an einem offenen Format interessiert sind, das sicherstellt, dass sie auf ihre existierenden Daten noch lange zugreifen können.

Jelliffes Enthüllung in dem Blog führten zu einer hitzigen Debatte über Ethik und Moral. Ob es Okay sei, dass eine Firma jemanden bezahlt, Wikipedia-Einträge zu editieren und welche Auswirkungen solche Zahlungen letztendlich auf die Glaubwürdigkeit der Site hätten.

"Von jetzt an sollten wir die Wikipedia Einträge zum Thema Open Document mit Vorsicht genießen,“ so Daniel Carrera, ein ODF-Entwickler, in einer Mail.

Andere Bemerkungen in dem Blog waren nicht ganz so freundlich. "Nachdem Du öffentlich zugibst von Microsoft bezahlt zu werden, zerstörst du jegliche Glaubwürdigkeit als ein neutraler Berichterstatter. Ende der Geschichte." schrieb ein Leser.

Bislang ist nicht klar, was passiert, wenn Jelliffe tatsächlich Änderungen an den Seiten vornehmen würde. Wikipedia "tendiere dazu, Interessenkonflikte nicht besonders positiv zu bewerten“, so David Gerard, ein freiwilliger Sprecher für Wikipedia.

Eine Möglichkeit wäre, Jelliffes Zugriff auf die Site zu blockieren. Mitarbeiter von Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit, die Firmen-Interessen vertreten haben, sind in der Vergangenheit blockiert worden, sagt Gerard. Aufgrund des Aufmerksamkeit, die der Vorfall erhalten hat, glaubt Gerard allerdings, dass die Leser sehr aufmerksam auf die Änderungen von Jelliffe achten werden und mit ihren eigenen Updates und Änderungen reagieren werden, was wiederum zu einer wesentlichen Verbesserung der besagten Seiten führen könnte. Gerard findet die Situation insgesamt aber bedauerlich. Sie seinen enttäuscht über die Art und Weise, wie Microsoft vorgegangen sei. Die Firma wäre besser beraten gewesen, der Wikipedia Geld zu spenden und auf diesem Wege die Gewogenheit der Leser zu gewinnen.

Von Microsofts externem Presseteam in Großbritannien konnten unseren Kollegen des IDG News Service keine Bestätigung dafür bekommen, dass Microsoft Jelliffe ein Angebot unterbreitet hat.

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