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Wikipedia: Neue Artikel nur noch von registrierten Anwendern

06.12.2005 | 15:01 Uhr |

Wikipedia hat die Regeln für das Erstellen neuer Einträge in der Online-Enzyklopädie eingeschränkt. Nur noch registrierte Anwender können ab sofort bei der englischsprachigen Wikipedia neue Artikel erstellen.

Die Betreiber von Wikipedia reagieren damit auf eine in den USA entbrannte Diskussion, die der renommierte Journalist John Seigenthaler begonnen hatte. Dieser stellte fest, dass in seiner Biographie auf Wikipedia erwähnt wurde, dass er eine Zeitlang in Verdacht gestanden hätte, in die Attentate auf den US-Präsidenten John F. Kennedy und dessen Bruder Robert Kennedy verwickelt gewesen zu sein. Zusätzlich wurde in dem betreffenden Wikipedia-Artikel fälschlicherweise verbreitet, dass Seigenthaler 1971 bis 1984 in der Sowjetunion gelebt habe.

Laut Angaben des Journalisten war die verfälschte Biographie mehr als 130 Tage auf Wikipedia online. Keiner der Leser soll die Diffamierungen bemerkt und für eine Korrektur gesorgt haben. Seigenthaler hatte den Vorfall in der vergangenen Woche in der US-Zeitung "USA Today" publik gemacht und in den USA eine Diskussion über Wikipedia entfacht.

Wikipedia-Vater Jimmy Wales reagierte nun damit, dass nur noch registrierte Anwender neue Artikel erstellen müssen. Das deutschsprachige Wikipedia ist von der Änderung derzeit noch nicht betroffen. Wales hofft durch die neue Regel, dass weniger neue Artikel in Wikipedia eingespeist werden. Das gäbe auch den rund 600 aktiven Freiwilligen die Möglichkeit, die Artikel auch inhaltlich zu überprüfen und Fehler und Diffamierungen ausfindig zu machen.

Nach Ansicht von Seigenthaler wird die neue Vorgehensweise bei Wikipedia nicht für weniger Vandalismus in den Artikel sorgen. Wikipedia solle sich um eine Behebung des Problems kümmern, um nicht jedes Renommee zu verlieren, wenn sie überhaupt noch welches hat. "Der Marktplatz der Ideen wird sich um das Problem kümmern. Aber was passiert zwischenzeitlich mit Leuten wie mir?", sagte Seigenthaler.

Der Artikel über Seigenthaler findet sich mittlerweile in einer korrigierten Fassung auf Wikipedia. Unter Punkt 3 in der Biographie ist nun zu lesen, dass der Artikel im Mai 2005 von einem anonymen Anwender um eine Reihe von "inakkuraten Aussagen" ergänzt worden sei. Seigenthaler habe sich im September gemeldet und auf die Einträge aufmerksam gemacht. Danach seien sie gelöscht worden. Am 29. November hatte der Journalist dann in der USA Today geschrieben, dass Wikipedia ein "fehlerhaftes" und "unverantwortliches" Recherche-Tool sei. Vier Monate habe ihn Wikipedia als einen verdächtigten Attentäter bezeichnet. Am 5. Dezember trafen Seigenthaler und Wales in einer CNN-Sendung aufeinander.

Am Montag erklärte Wales die Änderung für das Einspeisen von neuen Artikeln. Eine Anmeldung bei Wikipedia ist schnell erledigt. Dafür ist nicht mal eine Mail-Adresse notwendig.

Nach wie vor ohne Anmeldung ist das Ändern bestehender Artikel möglich. Damit ist die Änderung des Prozederes nicht unbedingt als Reaktion auf den aktuellen Fall anzusehen, denn hier wurde ein bestehender Artikel geändert, beziehungsweise ergänzt, was auch weiterhin jederzeit ohne Anmeldung möglich ist.

In Hinblick auf Seigenthaler erklärte Wales, dass der Fall zeige, dass Wikipedia nicht perfekt sei, es aber schon jetzt gut sei und immer besser werde. Mit der Zeit erwartet Wales, dass Wikipedia sogar die Qualität einer Encyclopedia Britannica übertrifft. Dort würden die Artikel von einer handvoll Leuten geschrieben und von einer weiteren handvoll Leuten gegengelesen. Artikel bei Wikipedia seien dagegen das Ergebniss von vielen hunderten von Autoren und Lesern.

In den Richtlinien von Wikipedia ist genau festgehalten, wozu Wikipedia dient und welche Grundsätze einzuhalten sind. Dazu zählen: Neutralität, keine Verletzung von Urheberrechten und keine persönlichen Angriffe. Für die Einhaltung der Richtlinien sorgen die Wikipedianer selbst.

GAU: Wikipedia kämpft mit Urheberrechtsverletzungen (PC-WELT Online, 28.11.2005)

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