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Weblogs: Sprachrohr für alle

Üblicherweise gilt es als anstößig, in fremden Tagebüchern zu stöbern. In Weblogs, kurz "Blog" genannt, können Surfer aber ausführlich über das Privatleben anderer lesen. Laut der Suchmaschine Technorati wird jede Sekunde ein neues Web-Tagebuch eingerichtet. Von März bis Ende Juli stieg die Zahl von knapp 8 auf mehr als 14 Millionen weltweit - in Deutschland gibt es bereits mehr als 60.000 Weblogs. Ganz neu ist die Idee nicht: Was für Hobby-Autoren früher die private Homepage war, ist heute das Weblog.

Blogs sind sehr einfach zu bedienen: Dank einer fertigen Eingabe-Software lassen sich Beiträge im Handumdrehen verfassen, erklärt Dirk Olbertz aus Moers, dessen Webseite " Blogger.de " etliche Netz-Notizbücher bereithält. Mit einem Newsreader könnten Nutzer Blogs abonnieren und werden so auf dem Laufenden gehalten.

"Weblogs bieten ein Sprachrohr für jedermann", sagt Kai Pahl aus Hamburg, der in seinem Buch "Blogs" die virtuellen Leserzeitungen vorstellt. So können Bürger selbst als Medienmacher aktiv werden. Dadurch würden auch Themen und Meinungen berücksichtigt, die in der Presse keinen Platz fänden. Inzwischen versuchen sich Blogger nicht nur als Zeitungsmacher, sondern werden auch als Handy-Fotografen tätig. Besonders populär ist das "Podcasting", benannt nach Apples MP3-Player "ipod". Hier erstellen Nutzer Ton-Beiträge, die sich auf den PC laden und zu einem Radioprogramm zusammenstellen lassen.

Die Technik allein mache nicht aus jedem Laien einen Journalisten, sagt Prof. Lorenz Lorenz-Meyer, der an der Fachhochschule Darmstadt Online-Journalismus lehrt. Eine gesunde Skepsis beim Lesen der Blogs sei angebracht. "Weblogs können zu einem kritischeren Umgang mit den Medien beitragen", sagt Lorenz-Meyer. Dies bewirke zum einen das System der Selbstkontrolle in der Blog-Gemeinde, bei dem Nutzer ihre Beiträge gegenseitig korrigieren. Die so genannten Watch-Blogs kommentieren die Berichterstattung der traditionellen Medien.

Viele Anwender nutzen die Blogs aber eher als private Bühne. Doch auch wenn sich ein Großteil der Nutzer nur über ihre Hobbys und Haustiere unterhalte, gibt es laut Lorenz-Meyer etliche Blogs, die fachlich tiefgehend und hervorragend geschrieben seien.

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