68658

Weblog schreiben als Therapie

13.10.2005 | 10:24 Uhr |

Psychologen wollen jetzt einen neuen Sinn für das Schreiben von Weblogs gefunden haben. Wer seine Gefühle im Internet veröffentlich, schreibt sich seine Sorgen von der Seele und erfährt eine regelrechte Katharsis.

Die virtuellen Tagebücher des Internets sind nicht unumstritten. Zwar findet man durchaus die eine oder andere Perle und wertvolle Informationen in Weblogs – jüngstes Beispiel waren die Einträge von Hurrikan-Opfers aus New Orleans – aber es gibt auch viel Schrott in Weblogs zu lesen. Und manche Weblogs dienen schlicht der Selbstdarstellung geltungssüchtiger Zeitgenossen.

Von einer Cyber-Katharsis sprechen dagegen Psychologen, wenn sie Weblogs meinen. Und sehen darin einen Therapieansatz für Menschen, die etwas belastet. So berichtet die Washington Post, dass beispielsweise ein bis dahin an Weblogs völlig desinteressierter Mann regelmäßig online zu schreiben anfing, nachdem er erfahren hatte, dass seine Frau schwer erkrankt ist. Zunächst schrieb der Hobby-Autor nur über die Untersuchungen im Krankenhaus, über Diagnosen und Therapieversuche. Doch allmählich entwickelte sich daraus ein regelrechtes Tagebuch. Mit dem Ergebnis, dass sich der 39-jährige Verfasser deutlich erleichtert und besser fühlte, weil er sich seine Sorgen und Ängste von der Seele schreiben konnte. Ein anderer Weblogger war jahrelang alkoholabhängig. In seinem Weblog verkündete er jetzt stolz, sei drei Jahren völlig trocken zu sein.

Offensichtlich wandeln immer mehr Weblog-Autoren auf diesen Pfaden und veröffentlichen ihre persönlichen Eindrücke und Empfindungen vor einem fremden Millionenpublikum. Sofern eine kürzlich von AOL unterstützte Umfrage zutrifft, sieht rund die Hälfte aller weltweiten Blogger das Schreiben als irgendeine Art von Therapie. Mittlerweile gibt es sogar schon ein Krankenhaus in den USA, das seinen Patienten Platz für Weblogs auf seiner Website einräumt. Die Patienten schreiben dort unter ihrem Vornamen, bleiben also für Außenstehende anonym.

Das Projekt wurde ein derart großer Erfolg, dass die Krankenhausleitung jetzt darüber nachdenkt, auch Videoblogs einzurichten.

0 Kommentare zu diesem Artikel
68658