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Internetsucht ist eine klinische Krankheit

11.11.2008 | 13:10 Uhr |

Online-Sucht ist genauso wie andere Suchterkrankungen auch eine klinische Funktionsstörung und nicht bloß eine schlechte Angewohnheit.

Diese Definition von Onlinesucht stellen Pekinger Psychologen in einem aktuell präsentierten Diagnostischen Handbuch zur Internetsucht (IAD) auf. Demnach weisen Betroffene vor allem zwei Hauptsymptome auf: Sie sind mehr als sechs Stunden pro Tag online anstatt zu lernen oder zu arbeiten und legen eine besondere Gereiztheit an den Tag, wenn es gerade keine Möglichkeit gibt, das Web zu nutzen. Sollte das chinesische Gesundheitsministerium das Handbuch offiziell genehmigen, wäre es das erste seiner Art weltweit und China das erste Land, in dem IAD als klinische Krankheit wie Spiel- oder Alkoholsucht anerkannt wird.

"Die offizielle Anerkennung des Krankheitsbildes Onlinesucht ist mittlerweile längst überfällig", stellt Gabriele Farke, Onlinesucht-Beraterin und Initiatorin des Selbsthilfe-Portals Onlinesucht.de fest. Psychologen und Psychiater hätten bereits wiederholt gefordert, dass auch Computer- und Onlinesucht in die offiziellen Klassifizierungssysteme psychischer Störungen aufgenommen werden. "Die fehlende Anerkennung führt dazu, dass derartige Probleme von den Angehörigen oft einfach unter den Tisch gekehrt werden und eine kostenlose Betreuung von Betroffenen unmöglich ist", kritisiert Farke. Dass der Ernst der Problematik mittlerweile aber zunehmend erkannt wird, habe Anfang April eine Anhörung des Deutschen Bundestages zum Thema bewiesen. "Die Anhörung war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung und ein deutliches Zeichen für die Öffentlichkeit. Die Mühlen der Politik mahlen aber bekanntermaßen sehr langsam", meint Farke.

"Die Wissenschaft definiert einen Onlinesüchtigen als jemanden, der 35 Stunden pro Woche oder mehr im Internet verbringt", erläutert Farke. In der Praxis sehe dies allerdings anders aus. "Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass das soziale Umfeld in diesem Zusammenhang ausschlaggebend ist", schildert Farke. In der Regel könne man dann von einer Onlinesucht sprechen, wenn der Betroffene beispielsweise seine sozialen Kontakte vernachlässige und in weiterer Folge auch verliere. "Dies ist dann der Fall, wenn derjenige das Internet nicht in sein Leben integriert, sondern sein Leben dem Internetkonsum anpasst", erläutert Farke. Laut der Onlinesucht-Expertin seien zur Zeit an die zwei Mio. Menschen in Deutschland von diesem Problem betroffen, Tendenz steigend.

Laut Suchtexperte Tao hat China auf dem Gebiet der Internetsucht größere Probleme als die westlichen Länder. Einem Bericht des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses zufolge sind mittlerweile rund zehn Prozent der 40 Mio. minderjährigen Internetnutzer Chinas süchtig nach dem Medium. "Ich bin aber der Ansicht, dass IAD eine heilbare Krankheit ist", meint Tao. Seit 2005 habe das Militär-Krankenhaus Bejing, in dem er arbeitet, über 3.000 Onlinesüchtige behandelt. "Bis zu 80 Prozent von ihnen haben es geschafft, sich nach drei bis sechs Monaten Behandlung von der Krankheit zu befreien", schildert Tao. Die Behandlung sei dabei ähnlich zu der anderer Suchtkrankheiten. Die Patienten werden mit anschließender psychologischer Beratung vom Internet abgegrenzt und ergänzend durch Gruppenaktivitäten für die reale Welt sozialisiert. (pte/jp)

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