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Wahre Ostalgie: Tetris wird 20

Die einfachsten Spielideen sind in der Regel die genialsten. Das gilt für "Mensch ärgere Dich nicht" ebenso wie für Poker und sogar Schach. Und für "Tetris". Das Spiel mit den kleinen Blöcken wurde von hunderten Millionen Menschen in allen Teilen der Welt und in allen Varianten gespielt. Erfunden wurde es vor 20 Jahren von zwei Russen.

Die Idee von Alexej Padschitnow war denkbar einfach. Angelehnt an das russische Brettspiel "Pentamino" ließ der damals 29-Jährige Programmierer einfach unterschiedliche, aber immer aus vier Quadraten bestehende Spielblöcke in ein Glas fallen. Kam eines unten an, folgte das nächste. Eine geschlossene Reihe brachte Punkte, ansonsten wuchs der Berg aus den Quadrattrümmern immer weiter und ließ das Glas schließlich überlaufen: Game Over.

Das Spiel war schnell entwickelt, Padschitnows Freund Wadim Gerassimow schrieb es so um, dass es auch auf westlichen IBM- Computern laufen konnte. Stundenlang spielten die beiden Freunde ihre Eigenentwicklung - schließlich hatten sie es nur dazu kreiert. An eine Verbreitung, erst recht einen Verkauf dachten beide nicht.

Doch das Spiel verbreitete sich schneller als jeder Computervirus, von denen auch die beiden Russen ein paar entwickelt hatten. Softwareläden gab es im Ostblock nicht, aber "Tetris" wurde einfach auf labberige 5,25-Zoll-Disketten heruntergeladen und gespielt, gespielt, gespielt. Diebstahl eigentlich, aber daran dachten damals noch nicht einmal die Erfinder. Der gerade 16-jährige Mitentwickler Gerassimow war stolz auf das Spiel, Tantiemen waren zweitrangig. Und Padschitnow Versuche, das Spiel zu verkaufen, scheiterten kläglich.

Die Millionen kassierte der Kreml: Die Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion, für die Padschitnow arbeitete, verkaufte die Rechte ihres wohl erfolgreichsten Exportartikels. Doch schon zuvor war "Tetris" durch den Eisernen Vorhang gedrungen. Mehrere Firmen und Geschäftsleute verkauften die Rechte an "Tetris" - die sie gar nicht besaßen. Ein halbes Dutzend Firmen meldete Ende der achtziger Jahre das Recht auf "Tetris" an. Zu den Rekordverkäufen kam ein Rekordrechtsstreit.

Inzwischen wurde das Spiel im Westen perfekt vermarktet. Der Kreml musste als Beiwerk ebenso herhalten wie Balalaika-Musik und Wodka. Eine Firma schrieb den letzten Buchstaben von "Tetris" mit einem Gebilde aus Hammer und Sichel, eine andere gab dem Spiel den Untertitel "Die sowjetische Herausforderung". Zu hunderten Millionen lief Tetris auf Spielkonsolen, Mobiltelefonen und Schlüsselanhängern. Und Nintendos "Game Boy": Der ersten Version des Welterfolgs aus Japan lag der Welterfolg aus Russland bei - mit Kreml und Balalaika.

Padschitnow und Gerassimow wurden bald vergessen und kamen über Talk-Show-Prominenz nicht hinaus. Beide arbeiten heute als Entwickler in den USA, "Tetris" bringen nur wenige mit den beiden Ex-Moskauern in Verbindung. Der 16-jährige Gerassimow hatte ohnehin 1987 schriftlich auf alle Rechte an "Tetris" verzichtet. An dem Tag war er mit den Gedanken woanders: Gerade hatte er miterlebt, wie der kaum ältere Deutsche Matthias Rust mit einem Sportflugzeug vor ihm auf dem Roten Platz gelandet war.

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