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Wettbewerb für Hobby-Detektive

08.10.2009 | 06:50 Uhr |

Die Videoüberwachungspraxis von Großbritannien, ohnehin bereits einer der bestüberwachtesten Staaten der Welt, wird um eine Nuance schärfer - und verspielter.

Ein Konsortium aus den Besitzern der landesweit rund 4,2 Mio. Videoüberwachungsanlagen - im englischsprachigen Raum als CCTV (Closed Circuit Television) bekannt - hat nun einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Privatpersonen bis zu 1.000 Pfund Sterling Prämie für die Überwachung der Kameras kassieren können. Die Teilnehmer sollen das aus den Kameras gewonnene Videomaterial in Echtzeit von zuhause aus überwachen und verdächtige Vorgänge umgehend an die Eigentümer der Kameras melden. Die Betreiber der Überwachungskameras erhoffen sich, damit nicht nur britische, sondern Internetnutzer auf der ganzen Welt anzusprechen. Das Vorhaben, das den kessen Namen "Internet Eyes" trägt, wird als Spiel beworben und soll bereits im nächsten Monat mit einem Testbetrieb in Stratford-upon-Avon nahe Birmingham an den Start gehen. Am Ende des Jahres soll das Service landesweit, 2010 dann weltweit verfügbar sein.

Tony Morgan, ein Initiator des Projekts, sagt gegenüber der Times, dass Internet Eyes "die beste Waffe zur Kriminalitätsprävention sein könnte, die wir je hatten. Ich wollte dafür das seriöse Geschäft für Kriminalitätsabwehr mit dem Anreiz, Geld zu gewinnen verknüpfen. Es gibt mehr als vier Mio. CCTV-Kameras und nur tausend davon werden überwacht. Auf diesem Weg werden sie 24 Stunden lang überwacht." Die Gegner des Projekts haben sich auf der Insel allerdings bereits formiert. Sie befürchten, dass Großbritannien durch Internet Eyes zum "Schnüfflerparadies" wird, neugierige Hausbesitzer die Müllentsorgungspraktik ihrer Nachbarn ausspionieren und Auto- wie Motorradfahrer für die kleinsten Gesetzesverstöße denunzieren könnten.

Für Stephan Humer, Forschungsleiter an der Universität der Künste Berlin , sind diese Bedenken durchaus berechtigt. "Das Problem an diesem Projekt ist der falsche Anreiz, der Privatpersonen gegeben wird, nämlich Geld zu verdienen. Das Bewusstsein für das Allgemeinwohl tritt klar in den Hintergrund", kritisiert der Internetsoziologe im Gespräch mit pressetext. Bei aller Kritik ist Humer dennoch gespannt darauf, wie der Wettbewerb ausgeht und ob er tatsächlich einen Beitrag zur Kriminalitätsbekämpfung leisten kann.

Die Teilnehmer am Projekt erhalten für die Live-Videoüberwachung Punkte. Wenn sie etwas Verdächtiges auf ihrem Bildschirm beobachten, können sie per Knopfdruck einen Screenshot plus Textnachricht an den Besitzer der Kamera übermitteln. Der Besitzer wiederum gibt dem Hobby-Detektiv daraufhin Feedback, ob es sich tatsächlich um ein (potenzielles) Verbrechen handelt. Für ein mögliches Verbrechen erhalten die Nutzer einen Punkt, beobachten sie ein tatsächliches Verbrechen, erhalten sie drei Punkte. Punkteabzüge gibt es allerdings, falls sich der Alarm des "Privatschnüfflers" als falsch herausstellt. Schlägt ein Nutzer insgesamt dreimal falschen Alarm, wird sein Account gesperrt.

Die Videoüberwachungspraktik in Deutschland sei mit jener in Großbritannien nicht vergleichbar, da sie auf der Insel viel intensiver betrieben werde, führt Humer weiter aus. Auch der Gemeinschaftssinn spiele in angelsächsischen Nachbarschaften eine größere Rolle als in Deutschland, wo der Arbeit der Sicherheitsbehörden nach wie vor viel Vertrauen entgegenbracht wird. Viele deutsche Forschungsvorhaben bemühen sich zudem, Aspekte wie Datenschutz und Datensicherheit bereits bei der Konzeption von neuartigen Videoüberwachungsanlagen zu berücksichtigen. Problematisch sieht der Forscher allerdings die Überwachungspraktiken im privatwirtschaftlichen Sektor. "Die Unternehmen handeln in diesem Bereich noch weitgehend unkontrolliert, wie einige prominente Beispiele in Deutschland gezeigt haben. Hier besteht sicherlich noch Handlungsbedarf." (pte)

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