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Remakes und Fortsetzungen

01.07.2008 | 22:15 Uhr |

Wenn die Entwickler das Interesse an ihren Charakteren verlieren, die Fans aber ihre Lieblingsspiele nicht missen wollen, dann entstehen oft aufwändige Neuauflagen und Fortsetzungen.

Eine tiefe Sonne taucht die texanische Steppe in blutrotes Licht. Der Held zieht seinen Hut ins Gesicht, steigt in den Wagen und fährt gen Sonnenuntergang. Seine letzte Kugel ist verschossen. Zurück lässt er nur die Leichen zweier verfeindeter Gangsterbanden. So wortlos wie einst Clint Eastwood in Sergio Leones Westernklassiker Für eine handvoll Dollar verließ auch Bruce Willis im 1996er-Remake Last Man Standing eine heruntergekommene Grenzstadt nahe der mexikanische Grenze. Wie im Musikgeschäft und auf den Bühnen der Theater haben Neuauflagen im Hollywood-Kino Tradition. So ließ sich Nicolas Cage, nach Bruno Ganz' Vorbild aus Der Himmel über Berlin , für die Liebe einer Frau in die Stadt der Engel fallen. Und selbst der Eastwood-Western von 1964 war ein Remake des japanischen Ronin-Streifens Yojimbo .

Auch in der noch jungen Videospiele-Geschichte haben Remakes einen Platz gefunden. Besitzer von Nintendos DS-Handheld können den dritten Teil der Final Fantasy -Reihe im neuen Grafikgewand noch einmal erleben. Und am PC rettete Crystal Dynamics mit Legend erst die Lara Croft -Serie, um dann zum zehnjährigen Jubiläum eine Neuauflage des Ur- Tomb Raiders nachzureichen. Im Jahr zuvor hatten der Publisher Ubisoft und Entwickler Blue Byte bereits Die Siedler 2: Die nächste Generation veröffentlicht. Die Serie war inzwischen eigentlich bei Teil fünf. Doch was passiert ohne finanzstarke Geldgeber? Was geschieht, wenn die Entwickler das Interesse an ihren Charakteren verlieren und ganze Spiele-Universen aufgeben? Dann schlägt die Stunde der Fans. Sie verabreden sich über Messenger und in Foren, tüfteln über Jahre hinweg und verpassen Spiele-Klassikern in inoffiziellen Fortsetzungen und Remakes den verdienten Neuanstrich.

Fortsetzungen
Statt einer Wiederholung des LucasArts-Originals Zak McKracken erzählt das Fan-Entwicklerteam "Artifical Hair Brothers" in seinem Adventure Between Time and Space die Geschichte der 20 Jahre alten Charaktere weiter. "Das Original hat die meisten von uns damals sofort begeistert. Aber LucasArts hat leider nie einen Nachfolger entwickelt. Also haben wir uns schließlich dazu entschlossen, das in die Hand zu nehmen", erklärt der Projektleiter Thomas Dibke die Motivation seines Teams. Letztendlich zog sich die Entwicklung des Mammutprojekts über sieben Jahre hin.

Ähnlich lange arbeiten auch die zwischenzeitlich mehr als 20 Mitglieder der "mindFactory" bereits an Baphomets Fluch 2.5 (Untertitel: Die Rückkehr der Tempelritter ). Nach vielen Verschiebungen - ursprünglich sollte das Spiel bereits 2002 erscheinen, dann Ende 2004 - wird der Fan-Titel nun recht sicher ab dem 21. August zum kostenlosen Download angeboten. Anders als bei Zak McKracken gab es seit Entwicklungsbeginn jedoch bereits zwei offizielle Fortsetzungen der Baphomets Fluch -Serie von Revolution Software. Die zählen für den Projektleiter Daniel Butterworth vom mindFactory-Team allerdings nicht: "Uns war es sehr wichtig, die Tradition, auf der die ersten beiden Teile fußten, mit Die Rückkehr der Tempelritter fortzusetzen." Sprich: "Den Charme der handgezeichneten Hintergründe, die Liebe zum Detail, all das, in was sich vor über zehn Jahren Hunderttausende Spieler rund um den Globus verliebt haben."

Wing Commander Saga ist ein Remake
Vergrößern Wing Commander Saga ist ein Remake
© 2014

Remakes
Klassischen Remakes statt Fortsetzungen haben sich dagegen die Anonymous Game Developers, kurz AGD, verschrieben. Nach grafisch aufpolierten, durchwegs professionellen Versionen der Sierra-Adventures King's Quest und King's Quest 2 (bis hin zur vollständigen Sprachausgabe) arbeiten die Freizeit-Programmierer gerade an Quest for Glory 2 . Auch die riesige Ultima 5 -Neuauflage Lazarus ist eine zeitgemäße Umsetzung des Origin-Originals. Sie basiert allerdings auf dem Action-Rollenspiel Dungeon Siege , das Voraussetzung ist, um Lazarus spielen zu können. Leider staubt nicht nur die berühmte Rollenspiel-Reihe Ultima seit Jahren in Electronic Arts' Lizenzregalen ein. Auch das Wing Commander -Universum samt seiner Privateer -Ableger wird inzwischen nur noch von fleißigen Fans um neue Geschichten, Charaktere und Weltraumschlachten erweitert. Einen Eindruck davon, was dank der erweiterten Freespace 2 -Engine möglich ist, bietet die Wing Commander Saga-Demo Prologue . Noch gibt es das Spiel zwar nur auf Englisch, an der deutschen Synchronisation arbeitet mit dem "MindCrusher"-Team aber bereits ein Zusammenschluss von freien Autoren, Musikern und Sprechern.

Unterstützung vom Original
Für Baphomets Fluch 2.5 konnten Daniel Butterworth und sein Team gar den Schauspieler Alexander Schottky engagieren, Originalsprecher des Hauptcharakter George Stobbart. Unterstützung gab es auch vom Revolution-Chef Charles Cecil. "Einige Tage nachdem wir das Okay für unser Projekt hatten, bekamen wir Post aus York von Revolution Software", erinnert sich Daniel Butterworth. "Im Paket waren nicht nur Ratschläge und Insider-Tipps, sondern auch die offiziellen Sprites von George aus den Vorgängern. Für uns war das eine unschätzbare Hilfe." Trotzdem blieb die Produktion ein Kraftakt. Manchmal waren es nur Kleinigkeiten, feine Nuancen, die das Team in Schaffenskrisen stürzten. "In einer Szene steigt George beispielweise in eine alte Zisterne hinab, indem er einen Professor auf raffinierte Weiße linkt. Es gab zig Möglichkeiten, wie George das hätte anstellen können. Aber nur eine, die sich richtig anfühlte, zu 100 Prozent nach Baphomets Fluch. Wir haben uns also oft selbst den größten Druck gemacht", erzählt der Butterworth. Hinzu kam der zwischenzeitliche Wechsel der Programmiersprache vom veralteten QBasic zu Visual C++.

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