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VW: Mit 40.000 Entwicklern gegen Apple und Google

12.01.2016 | 08:51 Uhr |

Volkmar Tanneberger, Leiter der Elektronik-Entwicklung von Volkswagen, plauderte im kleinen Kreis darüber, mit wie vielen Programmierern VW Apple, Google & Co. Paroli bieten will, wie es um die IT-Sicherheit im modernen VW bestellt ist, wann es Over-the-Air-Updates gibt und ob freie Werkstätten Zugriff auf moderne von VW bereit gestellte Funktionen bekommen sollen. PC-WELT war mit dabei.

Insgesamt 30.000 bis 40.000 Entwickler kann der Volkswagenkonzern für die Elektronik-Entwicklung aufbieten. Wenn die Wolfsburger alle Tochterunternehmen, Reserven und externe Dienstleister mobilisieren.

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In Wolfsburg selbst arbeiten etwas weniger als 1500 Entwickler für die Abteilung von Dr. Volkmar Tanneberger. Zu diesen 1500 kommen einige Hundert weitere Entwickler in den diversen Tochterunternehmen von VW. Alles in allem komme Volkswagen auf zirka 2200 Entwickler.

Zu dieser Zahl muss man noch die Programmierer bei den zahlreichen VW-Marken wie Audi, Skoda, Seat oder der LKW-Sparte rechnen. Damit kommt man insgesamt auf 6000 bis 7000 Entwickler im gesamten Volkswagen-Konzern.

Das ist aber noch nicht alles: Rund die vierfache Zahl an Developern arbeitet bei verschiedenen Kooperationspartnern und externen Dienstleistern für die Volkswagengruppe. Alles zusammen genommen kann VW laut Tanneberger zwischen 30.000 und 40.000 Entwickler für den Bereich Elektronik mobilisieren.

Zentrale Logikentwicklung für den MIB II

In diesem Zusammenhang erklärte Tanneberger, dass die gesamte Logik des Modularen Infotainmentbaukasten MIB II, der die Basis des Infotainment- und Navigationssystems der Volkswagengruppe bildet, jeweils zentral an einer Stelle im Konzern entwickelt werde. Den MIB II gibt es in drei Ausführungen: Als Top-Modell, das von Audi entwickelt wird. Als Standard-Ausführung, für die VW die Entwicklung übernommen hat. Und als Einstiegsvariante, bei der Skoda die Federführung hat.

Jede Konzern-Marke passt dann dieses zentrale Modul noch an seine besonderen Bedürfnisse an, beispielsweise mit einem eigenen Frontend. Wie es beispielsweise Seat mit dem von Skoda entwickelten Grundmodell macht: Bei Seat erfolgt zum Beispiel die Integration der Smartphone-Schnittstellen Apple Carplay, Android Auto und Mirrorlink unter der Bezeichnung Full Link – das übrigens im Test rundum überzeugen konnte.

Ein Feature, das man bisher kaum oder allenfalls bei Premium-Fahrzeugen mit Autos verbunden hat, wird auch für Volkswagen immer wichtiger: Der Kundenaccount, der mit einem VW-Modelle verknüpft wird - das gibt es beispielsweise schon bei BMW ConnectedDrive. Damit könnte man als VW-Kunde zum Beispiel seine persönlichen Einstellungen für das Infotainmentsystem, die Navigation, die Sitzeinstellung und die Klimaanlage bequem von einem VW auf ein anderes kompatibles VW-Fahrzeug übertragen. Wenn man sich ein neues Modell kauft oder einen Leihwagen nimmt (zum Beispiel als Werkstattersatzwagen während einer Reparatur). So ein Kundenaccount ist dann auch eine Maßnahme zur Kundenbindung. Und zwar nicht nur für die Kernmarke VW, sondern auch für die jeweiligen Tochterunternehmen.

Volkswagen muss grundsätzlich sein Geschäftsmodell an das Smartphone- und Internetzeitalter anpassen und versuchen, auch nach dem Verkauf eines Neuwagens an einen Kunden über Software-Update und Internetfunktionen noch Geld zu verdienen. Während des gesamten Lebenszyklus eines modernen PKWs kann VW über Software-Updates mit neuen Funktionen oder neuen Dienstleistungen wie beispielsweise den bereits verfügbaren Car-Net-Diensten noch Geld erwirtschaften. Diese neue Einnahmequelle wird nicht nur für VW, sondern auch alle anderen Automobil-Hersteller künftig immer wichtiger werden, weil mit der zunehmenden Verbreitung von Elektro-Fahrzeugen bisherige Einnahmequellen für VW-Werkstätten und den VW-Konzern ausfallen werden: Wie der Austausch von mechanischen Verschleißteilen wie Kupplungsscheiben, Auspufftöpfen, Turboladern oder Zylinderköpfen oder der Ersatz einer defekten Lichtmaschine. Diese Teile existieren in einem Elektroauto nicht mehr.

Sicherheit im rollenden Computer

Volkswagen ist sich der Tatsache bewusst, dass jedes offene und mit dem Internet verbundene System angreifbar ist. Deshalb unterhält VW eine eigene Abteilung, die nach IT-Sicherheitslücken in VW-Fahrzeugen und -Servern sucht.

Aber nicht nur beim Thema Hackerangriffe ähneln sich Autos und Desktop-PCs immer mehr. Das von Windows-Rechnern und Android-Smartphones bekannte Problem, dass diese im Laufe der Zeit und nach vielen Software-Installationen immer langsamer reagieren, könnte auch bei den Infotainmentsystemen von Autos auftreten. Wenn immer neue Funktionen als Updates nachgeschoben und immer mehr Apps auf dem Infotainmentsystem installiert werden.

Software-Update over the Air

Moderne Autos sind vollgestopft mit Software. Das stellt sich natürlich die Frage nach dem bequemsten Weg für Updates. Damit ein VW Golf auch nach einigen Jahren noch aktuell bleibt und moderne Entwicklungen im Smartphone-Bereich unterstützen kann. Die Lösung hierfür sollen Over-the-Air-Updates sein. Mit dem aktuellen MIB II sind Over-the-Air-Updates aber noch nicht möglich, Diese will Volkswagen mit dem nächsten MIB-Update erst implementieren. Das dürfte angesichts der typischen Entwicklungszyklen aber erst in zirka vier Jahren der Fall sein. Sobald OTA-Updates möglich sind, muss der VW-Kunde nicht mehr eigens eine VW-Vertragswerkstatt aufsuchen, um ein Software-Update zu bekommen. Sondern kann dieses selbst herunterladen und installieren lassen.

Freie Werkstätten

Womit wir beim Thema Vertragswerkstatt und freie Werkstätten sind. Letztere sehen den Vormarsch der moderne IT ins Auto mit Misstrauen. Denn damit reduzieren sich immer mehr die Möglichkeiten von freien Werkstätten Reparaturen und Wartung an modernen PKWs vorzunehmen. Volkswagen sagt hierzu ganz klar, dass man mit der Bereitstellung von innovativen Funktionen aus dem Bereich Konnektivität und Sicherheit in Vorleistung gehe und hier eine Wertschöpfung generiere, die von VW bezahlt werde und die man deshalb im Konzern behalten möchte. Deshalb gibt es zumindest derzeit keine Gespräche mit den freien Werkstätten darüber, wie man diesen Zugang zu den Infotainmementsystemen und den Internetdiensten von VW geben könne. Damit erhöht Volkswagen zugleich die Bindung an den Konzern und an dessen Vertragswerkstätten. Weil nur VW-Vertragswerkstätten neue IT-Funktionen freischalten und Wartungs- sowie Reparaturmaßnahmen an VW-Infotainmentsystemen und Internetdiensten vornehmen können.

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