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VMware-Chefin Greene: "Die Allmacht des Betriebssystems schwindet"

21.12.2006 | 11:30 Uhr |

In Zukunft, so Diane Greene, Mitbegründerin und President von VMware, werden Softwareentwickler ihr Programm nur für ein Betriebssystem schreiben und nicht mehr portieren müssen. Eine Virtualisierungsschicht auf dem Rechner erlaubt die Benzutzung unterschiedlicher Plattformen auf einem Gerät. Mit Diane Greene sprach CW-Redakteurin Kriemhilde Klippstätter.

CW: Heutzutage virtualisiert jeder, auch die Chiphersteller. Was bleibt dann noch für VMware?

Greene: Die Chips unterstützen nur die Virtualisierung. Als unsere Firma zehn Monate alt war, beklagten wir uns bei Intel, dass die x86-Architektur schwer zu virtualisieren ist. Das war der Grund, warum die Chiphersteller jetzt die Unterstützung für Virtualisierung eingebaut haben. Aber das allein reicht nicht aus, denn die Virtualisierung betrifft neben den CPUs auch die Hauptspeicher- und Festplattengröße sowie das Netz. Erst dann können auf einem Rechner mehrere virtuelle Maschinen ablaufen, oder die Ressourcen lassen sich zu Pools zusammenschließen, auf die man dann unabhängige virtuelle Maschinen verteilen kann.

CW: Wer benötigt so eine Umgebung?

Greene: Jeder, der Capacity on Demand anbieten will oder eine transparente Failover-Lösung braucht. Man kann mitten am Tag ein Update fahren, auch das Backup wird einfacher. Zudem lassen sich einfach und kostengünstig Desaster-Recovery-Strukturen aufbauen. Schließlich ergeben sich in puncto Umweltfreundlichkeit Vorteile durch die Virtualisierung, etwa durch Einsparungen bei Stromaufnahme, Kühlung und Platzbedarf.

CW: Was ist der Unterschied zwischen einem virtualisierten Ressourcen-Pool, einem Cluster und einer Symmetric-Multiprocessing-Maschine?

Greene: Innerhalb einer physikalischen Maschine ist der Pool vergleichbar mit einem SMP-System, bei dem aber an der Gehäusegrenze Schluss ist mit dem Bündeln von Ressourcen. Ein Cluster ist hauptsächlich dazu da, den Failover zu garantieren, aber es taugt nicht zum Provisionieren von Ressourcen oder zur Wartung im laufenden Betrieb. Und: Ein Cluster ist teuer.

CW: Welche Bedeutung hat Virtualisierung für moderne Blade-Server-Umgebungen, etwa unter Linux?

Greene: Wenn Sie denen Virtualisierungsfunktionen hinzufügen, dann erhalten Sie noch mehr Effizienz und automatische Verwaltbarkeit. Es lassen sich viele Dinge automatisieren, die früher manuell erledigt werden mussten.

CW: Zum Beispiel?

Greene: Die Administratoren können die Infrastruktur so verwalten, wie es die Geschäftsprozesse erfordern. Denn alle wichtigen Funktionen wie Business Continuity, Fehlertoleranz und Kapazitätsplanung lassen sich nahezu vollständig automatisieren. Ohne Virtualisierung muss jeder Rechner genau und sorgfältig konfiguriert werden.

CW: Welche Rolle spielt dann noch das Betriebssystem?

Greene: Die Allmacht des Betriebssystems schwindet. Es wird in Zukunft Teil der Applikation sein. Ohne Virtualisierung ist das Betriebssystem ein sehr großes und komplexes Programm, das die Hardware und die Anwendung verwaltet. Wenn Sie Virtualisierung einführen, dann kann die Hardware von der Virtualisierungsschicht verwaltet werden; und die Applikation kann sich das für sie beste Betriebssystem suchen, denn sie läuft dann auf jeder Hardware.

CW: Wie könnte das aussehen?

Greene: Beispielsweise wird für eine Java Virtual Machine das Betriebssystem ausgewählt, auf dem sie am schnellsten ablaufen kann. Betriebssystem und Applikation werden zusammengepackt, vorinstalliert und vorkonfiguriert. Der Softwareentwickler entscheidet sich für das Betriebssystem, das für seine Anwendung am besten geeignet ist. Das leidige Portieren entfällt. Die heutigen Betriebssysteme müssen jede Anwendung bedienen, deshalb brauchen sie so viele Funktionen. Das wird künftig einfacher.

CW: Aber die Applikation zusammen mit einem Betriebssystem, das ist auch ein ganz schöner Batzen Software.

Greene: Ja, das ist eine virtuelle Appliance. Oracle hat schon einige tausend Demoversionen von virtuellen Maschinen verschickt. Da muss nichts mehr konfiguriert werden, die lassen Sie einfach ablaufen.

CW: Auf welchem Betriebssystem?

Greene: Auf VMware. Man kann solche Systeme auch für die Softwareverteilung verwenden: Wenn jemand ein neues Programm erhält, dann muss er alles konfigurieren und verteilen. Eine virtuelle Appliance lassen Sie einfach laufen, das ist eine einfache Softwaredistribution.

CW: Was brauche ich dafür?

Greene: Einen Rechner mit x86-Prozessor und die VMware-Virtualisierung: den Hypervisor und den ESX-Server. Wenn Sie die Ressourcen zusammenfassen wollen, gibt es die VMware-Infrastruktur.

CW: Ich brauche kein Betriebssystem auf dem Rechner?

Greene: Das kommt im Paket.

CW: Glauben Sie, dass die Hardwarelieferanten Rechner ohne Betriebssystem ausliefern werden?

Greene: Ich glaube, die Hardware wird in Zukunft virtualisierungsfähig geliefert werden. Dann kauft der Benutzer die Programmpakete, die er benötigt, also ein Exchange- oder ein CRM-Paket inklusive Betriebssystem-Funktion, und lässt es ablaufen.

CW: Das kann Microsoft nicht gefallen.

Greene: Die Rolle des Betriebssystems wird sich ändern. Microsoft will bei der Virtualisierung konkurrieren und argumentiert, dass Betriebssystem und Virtualisierung zusammengehören. Aber damit gehen alle Vorteile verloren. Virtualisierung und Betriebssystem sollen unserer Meinung nach getrennt sein, dann ist niemand eingesperrt oder festgelegt.

CW: Dann kann ich auf einem Rechner eine Linux-CRM-Anwendung haben zusammen mit einer NT-Datenbank?

Greene: Und Sie brauchen sich um nichts zu kümmern.

CW: Sie haben einen Marktplatz angekündigt, wofür?

Greene: Für die Virtual Appliances. Es gibt einige kleinere Softwarefirmen, die ihre Programme in eine virtuelle Appliance verpacken, meist zusammen mit Linux. Die Unternehmen versiegeln das Paket, und wir testen seine Stabilität und zertifizieren es, wenn es läuft. Auf dem Portal "vmtn" kann man es dann beziehen.

CW: Was ist mit Programm-Updates?

Greene: Einfach eine neue Appliance kaufen.

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