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Wahlcomputer-Manipulation als Uni-Experiment

10.10.2008 | 13:23 Uhr |

Wahlcomputer stehen knapp einen Monat vor der US-Präsidentschaftswahl in massiver Kritik. In Palm Beach County, Florida, ist es jüngst bei einer Bezirksrichterwahl zu Unstimmigkeiten und Neuauszählungen gekommen, berichtet Wired.

Unter anderem hätten die dortigen Geräte Stimmen fälschlich als ungültig gewertet. An der Rice University hat ein Uni-Experiment indes das Ziel, zu zeigen, wie leicht Wahlcomputer unbemerkt manipuliert werden können. Auch in Deutschland stößt die Technologie auf Widerstand. Vor den Kommunalwahlen in Brandenburg hatte der Chaos Computer Club (CCC) vor den Risiken von Wahlcomputern gewarnt.

Dass Wahlmaschinen ein hohes Risiko darstellen, will der Computerwissenschaftler Dan Wallach an der texanischen Rice University gar in einem Studentenprojekt beweisen. Seine Stundenten sollen in der Rolle skrupelloser Programmierer Geräte manipulieren. "Wir haben festgestellt, dass es sehr einfach ist, subtile Veränderungen vorzunehmen", warnt Wallach. In einer zweiten Phase müssen die am Projekt Beteiligten dann von anderen Teams manipulierte Maschinen prüfen. "Unsere Studenten werden die Hacks oft, aber nicht immer, aufspüren", meint der Computerwissenschaftler. Insgesamt sieht er das Experiment als Warnung, insbesondere, da die Testmaschine simpler ist als reale Wahlcomputer. Der Zertifizierungs- und Testprozess bei realen Wahlcomputern wäre wohl nicht in der Lage, betrügerische Veränderungen wie die seiner Studenten zu entdecken. "Würde das in der realen Welt passieren, könnten echte Wahlen kompromittiert werden und keiner wüsste es", ist der Computerwissenschaftler überzeugt.

Praktische Probleme gab es zuletzt ausgerechnet im Palm Beach County, wo das Ergebnis schon bei der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 besonders umstritten war. Hier ist es zu einer mehrfachen Neuauszählung der Stimmen bei einer im August durchgeführten Bezirksrichterwahl gekommen. Unter anderem sollen dabei rund 3,500 Stimmen verschwunden und die genutzten Wahlmaschinen an sich gültige Stimmen als ungültig gewertet haben. Dabei handelt es sich bei den genutzten Geräten um relativ neue optische Scansysteme des Herstellers Sequoia Voting Systems . Die im Jahr 2000 genutzten Maschinen wurden 2002 durch Touchscreen-Geräte ersetzt. Letztere wiederum mussten den aktuellen Maschinen weichen, da der Staat Florida papierlose Wahlcomputer inzwischen allgemein verboten hat.

Die Manipulationsanfälligkeit von Wahlcomputern war auch der Grund, weshalb der CCC zu einer Beobachtung von 238 Geräten bei den brandenburgischen Kommunalwahlen aufgerufen hatte. "Wir beobachten mit Erstaunen, dass in den brandenburgischen Gemeinden weiterhin unverzagt diese Risikotechnologie eingesetzt wird", hatte CCC-Sprecher Dirk Engling kommentiert. Ein Kritikpunkt war auch, dass in Brandenburg auf Testwahlen zur Wählerberuhigung verzichtet wurde. Dass das Vertrauen der Wähler in Wahlcomputer erschüttert sein könnte, legt nunmehr eine Analyse des Physikers Ulrich Wieser nahe. "In sieben von neun Gemeinden und kreisangehörigen Städten, die Wahlcomputer einsetzten, entwickelte sich die Wahlbeteiligung zum Teil deutlich schlechter als im Durchschnitt des jeweiligen Landkreises", so Wieser. Ferner sei die Wahlbeteiligung in der Stadt Cottbus, die Wahlcomputer nutzt, deutlich unter dem Landesmittel geblieben. Der Einsatz der Geräte wirke sich also negativ auf die Wahlbeteiligung aus. (pte)

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