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Deutsche Telekom will Internet-Anbieter gegen Aufpreis bevorzugen

30.10.2015 | 13:00 Uhr |

Die Deutsche Telekom will die schwammigen Formulierungen in der Neu-Fassung der EU-Regelungen zur Netzneutralität für ein Internet der zwei Geschwindigkeiten nutzen. Und „Spezialdienste“ gegen Aufpreis schneller durchs Internet leiten. Vodafone und Telefonica haben dazu Stellung bezogen.

Das ging schnell: Das EU-Parlament hat die  Änderung der Richtlinie 2002/22/EG, in der es um die Netzneutralität geht,  erst vor wenigen Tagen beschlossen. Und Internetaktivisten hatten ihre Kritik an den schwammigen Formulierungen zur Gleichbehandlung aller im Internet bewegten Daten gerade erst formuliert. Da prescht die deutsche Telekom schon vor. Mit Euro-Zeichen in den Augen. Aber der Reihe nach.

Timotheus Höttges - Vorstandsvorsitzender Deutsche Telekom AG. Hat unter dem Titel so ausgewogen klingenden Titel „Netzneutralität – Konsensfindung im Minenfeld“ einen Artikel veröffentlicht, in dem er sich mit den denkbaren Folgen des EU-Gesetzes zur Netzneutralität beschäftigt. Der Manager redet Klartext und nimmt kein Blatt vor den Mund.
 
Seine Aussagen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Die vom EU-Parlament beschlossene Änderung ist „ein Kompromiss, der durchaus ausgewogen ist“. Gegen den Wunsch der Telekom „gibt es Regeln zur Netzneutralität und damit mehr Regulierung“. Doch „gleichzeitig bleibt es aber möglich, auch in Zukunft innovative Internetdienste zu entwickeln, die höhere Qualitätsansprüche haben. Das sind die so genannten Spezialdienste.“

Passend zum Thema: EU schafft Roaming-Gebühren ab – mit Einschränkungen

Bei den „Spezialdiensten“ denkt Höttges an „Videokonferenzen und Online-Gaming“, an „Telemedizin, die automatisierte Verkehrssteuerung und selbststeuernde Autos bis zu vernetzten Produktionsprozessen der Industrie". Diese Spezialdienste hätten „höhere Qualitätsanforderungen …als das einfache Surfen oder die E-Mail, die auch ein paar Millisekunden später ankommen kann. Eine Videokonferenz sollte beispielsweise auch zu Stoßzeiten im Netz nicht ins Stocken geraten. Deshalb muss die Möglichkeit bestehen, dass die Daten empfindlicher Dienste im Stau Vorfahrt bekommen“, so Höttges.

Damit hat Höttges Farbe bekannt: Die Deutsche Telekom will ein Internet der zwei Geschwindigkeiten anbieten. Also genau das, was Internetaktivisten und Startups befürchtet haben. 

Wer also seine Daten bevorzugt und mit mehr Tempo durch das Internet transportieren lassen will, muss dafür zahlen. Höttges zieht hierbei Parallelen zu andere kostenpflichtigen Internetangeboten wie beispielsweise zum Dazukaufen von extra Speicherplatz für Mails. Ganz ähnlich soll es auch beim Datentransport bald funktionieren, wie Höttges erklärt: „In Zukunft wird es eben auch die Möglichkeit geben, einen Dienst für ein paar Euro mehr in gesicherter Qualität zu buchen. Qualitätsdifferenzierung ist keineswegs eine Revolution im Netz, sondern die natürliche Weiterentwicklung.“

Startups sollen Telekom am Umsatz beteiligen

Und was ist mit der Kritik, dass Startups sich diesen Aufpreis nicht leisten könnten und die neue Regelung deshalb Innovationen unterdrücken würde? Höttges hat auch dafür einen Plan: „Gerade Start-Ups brauchen Spezialdienste, um mit den großen Internetanbietern überhaupt mithalten zu können. Google und Co. können sich weltweite Serverparks leisten, damit die Inhalte näher zu den Kunden bringen und die Qualität ihrer Dienste so verbessern. Das können sich Kleine nicht leisten. Wollen sie Dienste auf den Markt bringen, bei denen eine gute Übertragungsqualität garantiert sein muss, brauchen gerade sie Spezialdienste. Nach unseren Vorstellungen bezahlen sie dafür im Rahmen einer Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent. Das wäre ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur. Und es sorgt für mehr Wettbewerb im Netz.“

Vodafone stimmte laut Spiegel zu, Telefonica wagt sich nicht aus der Deckung

Wie Spiegel online berichtet , stimmt Vodafone Höttges im Sinne nach zu. Offiziell hält sich Vodafone aber noch bedeckt. Von Telefonica, dem dritten großen Netzbetreiber in Deutschland, gab es zunächst keine Stellungnahme. Auf unsere Nachfrage erreichte uns dann aber der unten stehende Text.

Update 9:55 Uhr: Stellungnahme von Vodafone

Wir baten Vodafone um eine Stellungnahme. Alexander Leinhos, Leiter Externe Kommunikation bei Vodafone, antworte folgendermaßen: Vodafone habe keine konkreten Pläne zum Thema Spezialdienste. Man kommentiere zudem nicht die Pläne von Wettbewerbern. Leinhos betonte, dass es ja bereits jetzt bei bestimmten Diensten eine Priorisierung geben würde, zum Beispiel bei VoIP. Das sei nötig, um eine größtmögliche Sprachqualität zu erreichen. Und für die Zukunft sei es sicherlich sinnvoll, wenn zum Beispiel beim automatisierten Fahren Autos bevorzugt die benötigen Daten erhalten würden, um Unfälle zu vermeiden.

Update 13.00 Uhr: Stellungnahme von Telefonica

Ralf Opalka, Pressesprecher von Telefónica Germany, antwortete auf unsere Anfrage folgendermaßen: „Wir haben zur Kenntnis genommen, dass die Regelung zur Netzneutralität innerhalb der EU vom Europaparlament am 27.10.2015 verabschiedet wurde. Telefónica Deutschland teilt ausdrücklich das Ziel, den Zugang zum freien Internet nach dem Best Effort Prinzip zu schützen. Die Grundrechte auf freie Meinungsäußerung, freie Selbstentfaltung und Berufsfreiheit dürfen im Netz nicht eingeschränkt werden. Einen derartigen Zugang garantiert Telefónica seinen Kunden heute und in Zukunft.

Regulatorische Eingriffe erfordern eine umsichtige Abwägung im Hinblick auf langfristige Verbraucherinteressen und die möglichen Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Inwieweit dieser Abwägungsprozess nun erfolgreich war, lässt sich erst nach eingehender Analyse des Verordnungstextes und dessen weitere Umsetzung innerhalb der Mitgliedstaaten der EU einschätzen.“

Im Unterschied zur Deutschen Telekom wagen sich Vodafone und Telefonica (noch) nicht aus der Deckung. Man darf aber sicher sein, dass auch diese beiden Unternehmen darüber nachdenken, wie sie finanziellen Nutzen aus der neuen Regelung ziehen können. Insofern gebührt dem Telekom-Chef Respekt für dessen offene Worte.

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