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SAP muss SOA-Plattform mit Leben füllen

18.10.2007 | 12:55 Uhr |

SAP hat die Entwicklung seiner Enterprise Service-oriented Architecture (E-SOA) weitgehend abgeschlossen. Nun geht es für den Softwarekonzern darum, Kunden und Partner in die Lage zu versetzen, mit der neuen Technik umzugehen.

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"Wir haben alles Notwendige für E-SOA ausgeliefert", sagte Klaus Kreplin, Corporate Officer der SAP und verantwortlich für die Netweaver-Entwicklung, anlässlich der Eröffnung der Entwicklerkonferenz TechEd in München. Jetzt sei es an den Kunden, ihre Kreativität spielen zu lassen, um das Potenzial der neuen Softwaregeneration auszuschöpfen. SAP predigt seit Jahren die Vorzüge von Service-orientierten Architekturen und bemüht sich, seine Klientel zum Umstieg zu bewegen. So auch auf der TechEd, die in diesen Tagen auf dem Münchner Messegelände stattfindet. Unternehmen müssten in einem immer härter werdenden Wettbewerbsumfeld schnell reagieren und neue Prozesse in ihrem Geschäftsmodell einsetzen können, warnte SAP-Vorstandssprecher Henning Kagermann. Dazu bedürfe es jedoch einer modernen Softwarearchitektur sowie einer tiefen Integration aller beteiligten Systeme auch über die Firmengrenzen hinaus. Zudem gehe es für die Firmen darum, sich auf die wahren Bedürfnisse ihrer Kunden einzustellen. "Die Käufer eines Bohrers kaufen eigentlich keinen Bohrer, sondern ein Loch in der Wand."

Die Antwort auf diese Anforderungen will der deutsche Softwarekonzern mit seinem E-SOA-Angebot geben. Basis des Pakets bildet die Business Process Platform (BPP). Sie besteht aus der Integrationsplattform Netweaver, dem Enterprise Service Repository, ausführbaren Prozessbausteinen sowie einem Entwicklungs-Framework inklusive Composition Environment, um Geschäftsabläufe zu modellieren und in Software abzubilden. Kagermann äußerte sich zufrieden darüber, wie die Kunden die neue Technik annehmen. So sei die Zahl der Anwender mit produktiven Netweaver-Systemen von 2200 im April vergangenen Jahres auf rund 3500 im September 2007 angewachsen. Die Hälfte davon setzten die Plattform auch dazu ein, Fremdapplikationen in die SAP-Welt zu integrieren.

Bevor der SOA-Zug abfährt, geht es für das Gros der SAP-Kunden aber darum, den Schritt aus der alten R/3-Welt auf das aktuelle ERP-Release 6.0 zu meistern. Nach Angaben des Softwarekonzerns arbeiten derzeit 4800 Kunden mit der neuen Version. Im April 2006 seien es gerade einmal 200 gewesen. Die große Upgrade-Welle stehe allerdings erst noch bevor, meint Hans-Ludwig Reinecke, Geschäftsführer des SAP-Dienstleisters Gisa. Die Abwartehaltung dürfte 2007 enden. Für das kommende Jahr hätten viele Unternehmen den Umstieg auf das jüngste ERP-Release in ihren Planungen und Budgets bereits fest verbucht. Zudem würden die Anwender mit den ersten Erfahrungsberichten und Best Practices ihre Scheu vor dem Umstieg verlieren. Allerdings könne man den SAP-Kunden nur eine Stütze bieten. Laufen müssten sie in der neuen Softwarewelt selbst.

Eclipse – geben und nehmen

SAP hat erstmals ein Werkzeug für das offene Integrated Development Environment (IDE) Eclipse zur Verfügung gestellt. Der Konzern ist Gründungsmitglied von Eclipse und nutzt das Entwicklungs-Framework als Basis für sein Composition Environment. Die Walldorfer spendieren der Open-Source-Entwicklergemeinschaft den Memory Analyzer, der bislang der Netweaver-Gemeinde vorbehalten war. Mit dem Tool sollen Entwickler effizienter die Speicherauslastung ermitteln können, die ihre Anwendungen auf den Servern verursachen. Damit sollen sich Systemabstürze infolge von falsch zugewiesenen Speicherressourcen verhindern lassen. Zudem könnten die Entwickler die Allokationsmuster ihrer Objekte untersuchen und damit den Speichereinsatz optimieren.

Das ist allerdings gar nicht so einfach, warnt Reinecke. Zwar zeige SAP immer wieder, wie sich einfach mit einem Tool neue Prozesse modellieren und diese dann in Software transformieren ließen. Die Realität werde jedoch anders aussehen. Die meisten Anwender müssten sich in der neuen Welt erst noch zurechtfinden.

Das haben offenbar auch die SAP-Verantwortlichen erkannt. Mit zusätzlichen Tools wollen sie ihr Angebot an Business-Process-Management-Werkzeugen (BPM) ausbauen. So kündigte der Konzern in München die Übernahme des indischen BPM-Experten Yasu Technologies an (siehe auch: SAP kauft indischen BPM-Anbieter Yasu ). Das Unternehmen sei auf Business-Rules-Management spezialisiert und schließe eine Lücke im Portfolio der SAP. Nach Angaben von SAP-Manager Kreplin soll die Technik in die Composition Environment integriert werden, die Bestandteil von Netweaver ist. Die Übernahme soll im Oktober 2007 abgeschlossen werden. Finanzielle Details wurden nicht genannt.

Mit der Übernahme von Yasu setzt SAP seine Strategie der technisch motivierten Einkäufe fort. Der Konzern hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, organisch wachsen zu wollen und mit Akquisitionen lediglich technische Lücken im eigenen Portfolio stopfen zu wollen. Erst vor kurzem hat SAP mit dieser Tradition allerdings gebrochen und mit der Übernahme von Business Objects einen Milliarden-Deal gelandet, bei dem es auch darum geht, die Reichweite im Markt zu erhöhen (siehe auch: SAP verlässt den Pfad der Tugend ).

SAP verspricht Stabilität

SAPs Vorstandssprecher Henning Kagermann hat seinen Kunden auf der Entwicklerkonferenz TechEd einen stabilen ERP-Kern für die kommenden fünf bis sechs Jahre versprochen. Damit will der Konzern seinen Anwendern die Angst nehmen, dass nach dem beschwerlichen Schritt von R/3 auf ERP 6.0 weitere aufwändige Updates drohen könnten. Funktionale Erweiterungen will SAP in den kommenden Jahren in Form von Enhancement Packages ausliefern. Diese Erweiterungspakete sollen alle sechs Monate an die Kunden ausgeliefert werden. Die nächste Update-Runde hat SAP für Ende des Jahres angekündigt. Damit sollen über 1700 neue Funktionen implementiert werden. Anwender erhalten die Enhancement Packages im Rahmen ihres Wartungsvertrags. Was nach dem Ende der Standardwartung von ERP 6.0 im Jahre 2013 passiert, darüber schweigen sich die SAP-Verantwortlichen bislang aus.

Ab dem kommenden Jahr will SAP die Upgrade-Zyklen für seine Anwendungen rund um ERP wie beispielsweise Customer Relationship Management (CRM), Supply Chain Management (SCM) und Product Lifecycle Management (PLM) aufeinander abstimmen und synchronisieren. Darüber hinaus sollen innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Reihe neuer Produktversionen für die Business Process Platform (BPP) erscheinen. So stecken Netweaver 7.1 und das Composition Environment 7.1 in den Startlöchern. Auch eine Version 7.1 des Enterprise Service Repository (ESR) wird SAP zufolge nicht mehr lange auf sich warten lassen. Allerdings steht SAP im ESR einige Arbeit bevor. Dabei geht es vor allem darum, Ordnung im Lager der Servicebeschreibungen zu halten und auf Konsistenz zu achten. Das bedeutet, SAP muss prüfen, ob die einzelnen Services in Kombination miteinander funktionieren. Mit einer stetig wachsenden Zahl an Servicebeschreibungen dürfte diese Aufgabe in Zukunft nicht einfacher werden.

Rüdiger Spies, Analyst von IDC , geht davon aus, dass SAP mit der Übernahme von Yasu in seinen BPM-Bemühungen unabhängiger wird. Seiner Einschätzung nach könnte der Deal auch eine Reaktion auf die Annäherung zwischen IDS Scheer und Oracle sein. Kreplin stellt die Kooperation der SAP mit IDS Scheer und dem anderen BPM-Partner Ilog dagegen nicht in Frage. Die Tools von IDS Scheer dienten in erster Linie dazu, die Prozess-Modellierung zu beschreiben und zu dokumentieren. Darüber hinaus benötige man jedoch auch Werkzeuge, diese Modellierung in Software umzusetzen und bestimmte Regeln für Geschäftsabläufe festzulegen. Dazu habe SAP den indischen Softwareanbieter übernommen. Auch mit dem Angebot von Ilog gebe es Kreplin zufolge keine Überschneidungen oder Konflikte. SAP werde auch in Zukunft mit dem französischen Anbieter zusammenarbeiten.

Neben dem Ausbau der Entwicklungsumgebung schmieden die SAP-Verantwortlichen an der Community rund um ihre E-SOA-Strategie (siehe auch: SAP bastelt an seinem Partner- und Ökosystem und SAP startet Enterprise Services Community ). Zia Yusuf, verantwortlich für das Ökosystem rund um die SAP-Lösungen, verweist dabei auf steigende Zahlen. So tummelten sich im SAP Developer Network (SDN) aktuell rund 900 000 Mitglieder. Im April 2006 seien es etwa 375 000 gewesen. Zudem sei es gelungen, innerhalb eines Jahres zirka 200 000 Teilnehmer für das Netz der Business Process Experts (BPX) zu gewinnen.

Für SAP geht es mit der SOA-Strategie und der neuen Softwaregeneration um viel Geld. Nach Angaben der Marktforscher von IDC werden die Ausgaben für SOA-Projekte bis 2011 auf 14 Milliarden Dollar anwachsen. In SOA-basierte Services würden die Anwender bis dahin sogar 40,8 Milliarden Dollar investieren. (ba)

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