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Studie: Offshoring ist kein Job-Killer

08.03.2007 | 11:35 Uhr |

Um ihren Job nicht zu verlieren, wird den Mitarbeitern aber ein hoher Grad Flexibilität abverlangt, resümieren die Marktforscher der Deutschen Bank.

Zwischen 1,6 und 2,1 Millionen neue Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren durch das Verlagern von IT- und Back-Office-Dienstleistungen von USA und Europa in Niedriglohnregionen entstanden. In diesem Jahr sollen nach Einschätzung von Deutsche Bank Research 290.000 bis 390.000 neue Stellen von Osteuropa bis Indien hinzukommen.

Ein Job-Killer ist Offshoring dennoch nicht, meinen die Analysten. Im Gegenteil: Durch steigende Produktivität und zusätzliche Exporte sei in den auslagernden Ländern sogar eine höhere Nachfrage nach Arbeit zu beobachten. Hintergrund ist eine Verschiebung zu Gunsten der gehobenen Tätigkeiten. So wurden etwa in den USA zwischen 1999 und 2005 vor allem einfache Stellen abgebaut, während qualifizierte Jobs neu entstanden sind (siehe Grafik).

Zudem verdrängt nicht jeder Offshore-Arbeitsplatz einen inländischen Job, argumentieren die Experten. Vielmehr ermögliche der geringere Preis im Offshore-Land Services, die sich im eigenen Land nicht rechnen würden – etwa einen 24-Stunden-Telefondienst. Auch dadurch, dass das auslagernde Unternehmen eine Mannschaft im Offshore-Land beschäftigt, um die dortigen Aktivitäten zu steuern (Retained Organisation), könne die Zahl der Offshore-Mitarbeiter sogar größer sein als die der in der Heimat verlorenen Arbeitsplätze. Und schließlich werde in Niedriglohnregionen tendenziell arbeitsintensiver produziert, das heißt, eine Aufgabe wird von mehr Mitarbeitern erledigt als in Ländern mit hohem Lohnniveau. Allerdings gibt es auch den gegenteiligen Effekt. So brauchen Offshorer für bestimmte Aufgaben weniger Personal als einzelne Anwenderunternehmen – etwa weil sie für mehrere Kunden arbeiten und Schwankungen in der Nachfrage besser ausgleichen können.

Entscheidend auf die globale Verteilung der Arbeitsplätze wird sich nach Ansicht der Analysten der Trend der Offshrore-Anbieter zu komplexeren, anspruchsvolleren Tätigkeiten auswirken. Sie stellen mittlerweile auch bei einfachen Aufgaben steigende Anforderungen an ihre Mitarbeiter. So werden von Call-Center-Agenten und Programmierern immer häufiger Hochschulabschluss und Fremdsprachenkenntnisse erwartet. Bislang fehlt es in den meisten Niedriglohnländern zwar an hoch qualifizierten Fachkräften. Einer Studie von McKinsey zufolge ist beispielsweise nur ein Bruchteil der indischen Hochschulabsolventen für die Anstellung bei einem internationalen IT-Dienstleister hinreichend qualifiziert. In Deutschland und den USA liegt dieser Wert bei jeweils 80 Prozent.

Insgesamt ist jedoch zu beobachten, dass die Leistungen der Offshorer in der Wertschöpfungskette immer weiter nach oben klettern. Der günstige Preis ist damit häufig nicht mehr das alleinige Argument für die Verlagerung von Jobs ins Ausland. Stattdessen gewinnt die Qualität der erbrachten Leistungen zunehmend an Bedeutung. Dadurch machen die Dienstleister vor allem den Unternehmen Konkurrenz, die in den Industrieländern eine breite, qualifizierte Mittelschicht beschäftigen.

Trotz der insgesamt positiven Effekte des Offshoring für die Anwenderunternehmen – mehr Wohlstand durch steigende Produktivität – sind die Anpassungslasten für die Mitarbeiter nicht zu unterschätzen, räumen die Analysten ein. Verlierer des Offshoring seien vor allem Arbeitnehmer, die räumlich und sozial gebunden seien sowie hoch spezialisierte Fachkräfte und gering qualifizierte Mitarbeiter.

Um sich an die veränderten Bedingungen anpassen zu können, sei vor allem Flexibilität gefordert. So sollte ein Arbeitnehmer auch bereit und in der Lage sein, einen Job anzunehmen, der nicht seinem Ausbildungsberuf entspreche – etwa weil seine Stelle ins Ausland verlagert wurde. Allerdings wird eine derartige Flexibilität in Ländern mit vergleichsweise starren Beschäftigungsbestimmungen – darunter auch Deutschland – erschwert. (sp)

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