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Computerspiele schädigen Haltung nicht

13.12.2009 | 14:58 Uhr |

Die übermäßige Verwendung von Computer und Handy ist nicht schuld daran, dass heute drei von vier Kinder und Jugendlichen an Haltungsschäden leiden. Das berichtet der Leonberger Physiotherapeut Thomas Widmann in der Springer-Zeitschrift "Manuelle Medizin". "Oft hört man, dass die häufigen Funktionsstörungen der Wirbelsäule auf Computerspiel, Handy oder Spielkonsole zurückgehen. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz. Die Ursachen dürften weit komplexer sein", so der Forscher im pressetext-Interview.

Haltungsschäden sind heute schon im jungen Teil der Bevölkerung verbreitet wie nie zuvor. Drei von vier Kindern und Jugendlichen haben Funktionsstörungen. "Dabei handelt es sich um Störungen der Beweglichkeit zwischen Kopf und dritter Halswirbel", erklärt Widmann. Diese könnten durch muskuläre Verspannungen auftreten, etwa infolge von Fehlhaltungen oder kurzfristigen Überbelastungen, sowie auch durch gelenkspezifische Ursachen. Das Team um Widmann wollte herausfinden, welche Faktoren für diese Entwicklung verantwortlich sind.

Die Forscher befragten 760 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren und untersuchten 160 aus dieser Gruppe eingehend. Dabei verglichen sie das Auftreten von Wirbelsäulen-Funktionsstörungen bei denjenigen, die mehr als eine halbe Stunde pro Tag vor dem Computer saßen, mit denen, die ihn kaum jemals benutzten. Unterschiede zeigte sich dabei kaum. Bei Vielnutzern der Primarstufe waren 74 Prozent betroffen, bei Geringnutzern desselben Alters mit 65 Prozent nur ein bisschen weniger. In der Sekundarstufe lag dieses Verhältnis bei 80 zu 77 Prozent.

Auf der Suche nach weiteren eventuellen "Schuldigen" überprüften die Forscher auch den Gebrauch von Handys und anderen mobilen digitalen Medien, Freizeitaktivitäten wie Musik und Sport sowie die ergonomische Situation bei der Arbeit am Computer. "Deutliche Zusammenhänge wurden dabei nirgends sichtbar. Da jedoch Jugendliche deutlich mehr Funktionsstörungen haben als Grundschulkinder, spielt scheinbar der Faktor der Schulbänke eine wichtige Rolle", so der Physiotherapeut.

Der Eindruck, dass unsere Lebensumgebung durch den wissenschaftlichen Fortschritt stets ergonomischer werde, entspreche in der Realität bloß den Arbeitsbedingungen in mittleren und größeren Firmen sowie vereinzelt in sensibilisierten Kleinbetrieben. Als Hauptproblem sieht Widmann jedoch den Mensch selbst. "Zwar gibt es zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich Bewegung, Haltung und Training des Körpers. Die Motivation, diese Ratschläge auch in die Tat umzusetzen, hängt den materiellen Bestrebungen jedoch meist stark hinterher", so der manuelle Therapeut.

Abhanden gekommen sei die tägliche, herausfordernde Bewegung, die der Bewegungsapparat dringend brauche. "Da Bewegungsmangel schädigt, hilft der beste ergonomische Arbeitsplatz wenig, wenn er zu einem Statikplatz wird", so Widmann. Der Ausgleich langer Perioden mit statischen Aktivitäten gelinge leider nicht durch Sportprogramme nach Arbeitsende. "Ist eine muskuläre Veränderung erst entstanden, löst sie sich nicht zwingend durch viel Bewegung am Feierabend oder Wochenende auf. Es ist daher wichtig, den Alltag regelmäßig mit Bewegung zu unterbrechen."

Eltern und Lehrern empfiehlt der Therapeut mehr körperbetonte Bildung. Wer Wert auf sportliche Fähigkeiten lege, müsse dem Training gesunder Bewegungen und Haltungen im Alltag oder in der Schule ausreichend Zeit geben. "Von Bewegungsexperten unterstützt, sollten bereits Kindergartenkinder täglich die Körperwahrnehmung trainieren und sensibilisieren. Denn es bedarf einer bewusster Haltung, um aufrecht durchs Leben zu gehen", betont Widmann. (pte)

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