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Spieleentwickler reagieren auf "Killerspiel"-Debatte

22.11.2006 | 11:11 Uhr |

Der Verband der deutschen Spieleentwickler hat auf die aktuelle Debatte zum Thema "Verbot von Killerspielen" reagiert und verbreitet eine Stellungnahme. Der Verband verweist darauf, dass mit der Debatte von den eigentlichen Ursachen, die zum Amoklauf an der Schule im westfälischen Emsdetten führten, abgelenkt werde und stellt ganz andere Forderungen, damit so etwas nicht noch mal vorkommt.

Der Bundesverband der Entwickler von Spielen - G.A.M.E. e.V. meldet sich angesichts der aktuellen Debatte über "Killerspiele" zu Wort. Der Verband vertritt laut eigenen Angaben über 40 Produzenten und Dienstleister im deutschsprachigen Raum.

Zunächst äußert der Verband sein Mitgefühl mit den Betroffenen des Verbrechens an der Schule im westfälischen Emsdetten. "Energisch wenden wir uns allerdings gegen die politische Instrumentalisierung der Vorkommnisse", so der Verband und weiter: "Wir wenden uns gegen die Kriminalisierung unseres Berufstandes und den Versuch einiger Verantwortlicher in unserem Land, ein international öffentlich, wissenschaftlich und kulturell anerkanntes Medium und dessen Künstler und Kreative mit nicht haltbaren Argumenten als Verantwortliche für den Amoklauf zu diffamieren."

Der Verband betont, dass zahlreiche Experten, Psychologen und Pädagogen in den Medien geäußert hätten, dass Computer- und Videospiele nicht die Ursache für diese Tat waren. "Vielmehr geht es um die Sorgen und Nöte einer Generation jugendlicher Menschen, die in Familie, Schule, Beruf und Gesellschaft offensichtlich zu wenige Möglichkeiten für Selbstbestätigung, Anerkennung und Hilfe im Krisenfall findet", so G.A.M.E.

Computer- und Videospiele als gesamtgesellschaftliches Problem anzuprangern sei unseriös. Alle Produzenten von Spielen seien sich ihrer Verantwortung bewusst und unterstützen auch die gesetzlichen Reglungen für Deutschland, mit deren Hilfe Gerichte, Bundesbehörden und Bundesländer Kinder und Jugendliche vor Inhalten schützen, die für sie ungeeignet sind. "Dieses Aufgebot an professionellem Jugendschutz ist weltweit einmalig und wird von uns aktiv unterstützt", betont der Verband, der anschließend darauf aufmerksam macht, dass Computerspieler keine Randgruppe sei. Vielmehr würde in jeder Bevölkerungsgruppe gespielt werden. Dazu würden ebenso 40-jährige Politiker, sechsjährige Mädchen und 70 Jahre alte Rentner gehören. "Diese Menschen haben innerhalb des gesetzlichen Rahmens das Recht, selbst zu entscheiden, was sie spielen möchten. Dieses Recht gilt es ebenso zu wahren wie den Jugendschutz zu gewährleisten", so der Verband.

Dabei weist G.A.M.E. auch darauf hin, dass Jugendschutz nicht vor der Kinderzimmertür aufhören dürfe. Die Eltern müssen kontrollieren, was ihre Kinder im Kinderzimmer tun und sich dafür interessieren, welche Spiele die Kinder spielen, welche Musik sie hören oder welche andere Interessen sie haben. "Eltern und Pädagogen haben die Pflicht, sich aktiv um Kinder und Jugendliche zu kümmern und müssen reagieren, wenn sich diese auffällig verhalten und immer aggressiver und verschlossener werden", heißt es in der Stellungnahme des Entwicklerverbandes.

Der Entwicklerverband stellt Fragen zum Amoklauf in Emsdetten, die angesichts der "Killerspiel"-Debatte unterzugehen drohen: "Wie kommt ein 18-jähriger an Waffen, Munition und Sprengstoff? Wie kann es sein, dass er von seinem sozialen Umfeld so im Stich gelassen wurde? Wie kann es sein, dass er seit über drei Jahren in verschiedenster Form im Internet, im Freundeskreis, in der Schule und sogar bei professionellen, psychologischen Diensten auffällig geworden ist und um Hilfe bat, ohne dass darauf entsprechend reagiert wurde?"

Der Verband fordert die Politik auf, nicht erneut das Versagen sozialer Systeme zu ignorieren und den schwarzen Peter "unreflektiert" an die Computerspieleindustrie weiterzureichen. Deutschland brauche keine strengeren Verbote, sondern die bestehenden müssten besser kontrolliert werden. Anders sei nicht zu erklären, wie der Täter an Bomben und Waffen gelangen konnten.

Der Verband fordert:

"* Wir brauchen mehr Initiativen, die Schülern und Jugendlichen Hilfe bei sozialen Problemen bieten.
* Wir brauchen mehr professionelle psychologische und pädagogische Ansprechpartner für Lehrer, Eltern und Pädagogen, die bei der Erziehung von Jugendlichen und Schülern überfordert sind.
* Öffentliche Gelder müssen wieder verstärkt in die Unterstützung unserer sozialen Systeme fließen und nicht in den Aufbau von strengeren Zensurbehörden oder von kriminalistischen Instituten, die sich nur mit den Symptomen und nicht mit den Ursachen beschäftigen."

Kommentar: Ein Amoklauf und die üblichen Killerspiel-Reaktionen

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