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SAP lästert über Oracles Project X

19.04.2007 | 11:42 Uhr |

Oracles groß angekündigte Integrationsplattform ist für die Walldorfer nur ein Versuch, Verzögerungen in der Fusion-Strategie zu kaschieren.

Es klang verlockend: Mit der Application Integration Architecture (AIA) - vormals unter dem Codenamen Project X gehandelt - könnten Oralce-Kunden Funktionen der diversen Business-Anwendungen beliebig kombinieren und auf ihre Bedürfnisse zuschneiden. Das zumindest versprach Oracle-President Chuck Phillips Anfang der Woche auf der Anwenderkonferenz "Collaborate '07". Vom Erzrivalen SAP erntet der US-Konzern dafür nur Spott. "Project X ist ein Versuch, Verzögerungen in der Fusion-Strategie zu kaschieren", lästerte Dennis Moore, General Manager für Emerging Solutions bei SAP im kalifornischen Palo Alto. Es sei inzwischen klar, dass Oracle mit der Auslieferung seinen "Fusion"-Anwendungen erheblich langsamer voran komme als ursprünglich geplant.

"Aus unserer Sicht geht es bei Project X schlicht darum, das Siebel-CRM-System mit Oracles E-Business-Suite zu verknüpfen", erklärte Moore dem Informationsdienst "Computerwire." Bei genauerem Hinsehen integriere die Plattform Oracles diverse Anwendungspakete nicht wirklich: "Sie verbindet sie lediglich." Fusion dagegen habe ein einheitliches Set versprochen. Stattdessen baue Oracle nur eine Brücke zwischen höchst unterschiedlichen Applikationen.

Laut der offiziellen Ankündigung will Oracle mit AIA zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits ließen sich die diversen eigenentwickelten und zugekauften Anwendungen einfacher integrieren, andererseits könnten Kunden damit auch Services aus anderen Systemen in ihre Prozesse einbauen. Unterm Strich soll die Integration für Unternehmen weniger komplex und kostengünstiger werden. Herzstück von AIA ist demnach eine Übersetzungsschicht, die zwischen den Anwendungen und der hauseigenen Fusion-Middleware liegt. Oracle greift dafür auf ein gemeinsames Objekt-Modell und Service-Definitionen zurück, die bereits in der Fusion-Plattform eingesetzt werden. Intern nutze man diese Methode schon seit längerem, um Anwendungen zu integrieren, so der Hersteller. Über AIA könnten nun auch Kunden davon profitieren.

Anne Thomas Manes, Analystin der Burton Group, lobte die Strategie. Oracle gehe mit AIA ein Problem an, das vielen seiner Kunden auf den Nägeln brenne. Über ein gemeinsames XML-Vokabular könne es gelingen, interoperable Services in einer heterogenen Anwendungslandschaft zu entwickeln.

Neben der Rolle als Integrationsplattform soll es AIA auch ermöglichen, aus diversen Softwareservices zusammengesetzte Anwendungen (Composite Applications) zu bauen. In diesem Kontext präsentierte Oracle auch gleich zwei prozess-basierende Anwendungen, so genannte Process Integration Packs (PIPs). Dabei handelt es sich um vorgefertigte Workflows, die in diesem Fall sowohl Funktionen aus Siebel-Anwendungen als auch aus der E-Business-Suite nutzen. Weitere horizontale und vertikale Prozessanwendungen sind geplant.

Mit dem Konzept der Composite Applications, das vor allem im Zusammenhang mit Sevice-orientierten Architekturen (SOA) diskutiert wird, geht Oracle einen ähnlichen Weg wie SAP mit seinen xApps. Der erbitterte Konkurrenzkampf der Branchenriesen dreht sich längst nicht mehr um klassische Business-Anwendungen. Mit ihren Integrationsplattformen und SOA-Strategien drängen beide Hersteller auch in den Markt für Infrastruktur-Software. Auch vor diesem Hintergrund ist die Kritik der Walldorfer zu verstehen. Mehr zum Thema Service-orientierte Architekturen finden Sie im SOA-Expertenrat der COMPUTERWOCHE. (wh)

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