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China will virtuelles Geld besteuern

07.11.2008 | 12:14 Uhr |

In China sorgen derzeit Pläne der Regierung für heftige Proteste innerhalb der Internet- und Gamer-Community.

Wie das Wall Street Journal unter Verweis auf die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, hat die chinesische Regierung die Einführung einer Steuer auf virtuelles Geld angekündigt, das im Internet verdient wird. Demnach sollen künftig alle Gewinne, die sich bei Privatpersonen aus dem Handel mit Online-Währungen ergeben, mit 20 Prozent versteuert werden. Darunter fallen alle Zahlungsmittel und Tauschgegenstände, die in virtuellen Spielwelten verwendet werden. Von der neuen Regelung wäre deshalb insbesondere die ungemein große Gruppe der Online-Spieler in China betroffen, die virtuelle Währungen in erster Linie dazu verwendet, um die eigenen Spielhelden mit neuem Equipment und stärkeren Kräften auszustatten.

Neben den Online-Gamern würde die Besteuerung virtueller Währung aber auch Mio. anderer Chinesen treffen, die im Internet virtuelle Währungen verwenden. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um virtuelles Geld, das den Nutzern von einer Reihe von Instant-Messaging-Diensten und Webportalen zu Werbezwecken angeboten wird. So locken beispielsweise einige Anbieter damit, dass Kunden während des Chattens im Internet virtuelles Geld verdienen können, das wiederum in Online-Spielen gegen Waren eingetauscht werden kann. Innerhalb der riesigen Internetnutzer-Community in China hat die Bekanntgabe der Regierung deshalb eine heftige Protestwelle ausgelöst. Allein auf dem populären chinesischen News-Portal Netease wurden einen Tag nach der Veröffentlichung der Nachricht über 6.000 User-Kommentare gezählt. "Es ist unfair, dass Individuen Steuern dafür bezahlen sollen und Internetunternehmen von dieser Regelung ausgeschlossen bleiben", so der kritische Tenor der Nutzer.

Hintergrund der umstrittenen Entscheidung ist laut Bericht die Einsicht der chinesischen Regierung, dass sich am virtuellen Währungsmarkt gutes Geld verdienen lässt. Wie eine aktuelle Analyse des Marktforschungsunternehmens iResearch bestätigt, ist der entsprechende Markt in China in den vergangenen Jahren im Durchschnitt jeweils zwischen 15 und 20 Prozent gewachsen. Insgesamt würden im Land mittlerweile bereits virtuelle Währungen im Wert von mehreren Mrd. Yuan (ein Yuan entspricht 0,11 Euro) gehandelt. "Auch in Deutschland hat der Bereich des Handels mit virtuellen Gütern in den letzten Jahren ein starkes Wachstum verzeichnet", stellt Mario Klunker, Geschäftsführer des Webportals Ingameparadise . Ausschlaggebend hierfür sei vor allem die steigende Beliebtheit von Online-Spielen wie "World of Warcraft". "Früher war die Online-Fähigkeit von Computerspielen eher die Ausnahme. Heute ist das grundlegend anders", ergänzt der Portalbetreiber.

Die chinesische Nachrichtenseite Sina hat unlängst mit einer Online-Umfrage festgestellt, dass rund 30 Prozent der insgesamt 3.000 Nutzer, die ihre Stimme abgegeben hatten, sich strikt gegen eine derartige Besteuerungspraxis aussprechen. Das größte Problem sieht die User-Gemeinde demnach vor allem darin, den virtuellen Handel nachvollziehbar zu machen. Den Plänen der Regierung zufolge wolle diese sich das Recht vorbehalten, den Original-Preis eines Handlungsgegenstandes zu schätzen, wenn der Bürger es verabsäumt, den tatsächlich erfolgten Handel nachvollziehbar zu machen. In der Praxis erweist sich das allerdings oft als schwierig. "Viele Online-Spieler sind im echten Leben Klassenkameraden oder Freunde und haben deshalb keine Belege für ihren Handel mit virtuellem Geld", betont etwa der Blogger Ruan Zhanjiang. Es sei zudem nur sehr schwer möglich, einen realen Umrechnungswert für virtuelle Währungen festzulegen. (pte/jp)

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