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Neuer-Markt-Start vor zehn Jahren - Anleger erinnern sich mit Grausen

09.03.2007 | 08:54 Uhr |

Viele Aktionäre denken mit Grausen an ihn zurück: Der Neue Markt startete vor zehn Jahren mit großen Erwartungen und Goldgräberstimmung und endete wenig später als "Kapitalvernichtungsmaschine".

Die New Economy wurde zum Sinnbild für die Sprunghaftigkeit der Börsen und schreckt bis heute viele Anleger vor erneutem Aktienkauf ab.

Am 10. März 1997 knallten auf dem Frankfurter Parkett die Korken: Der Mobilfunkanbieter mobilcom wagte sich als erster an den Neuen Markt. Das Ziel des Börsensegments: Rasch wachsende Mittelständler - besonders aus den Branchen Umwelttechnik, Telekommunikation, Biotechnologie und Multimedia - sollten sich besser mit Risikokapital versorgen können.

"Durch den Börsengang konnten wir erst die Story mobilcom schreiben. Ich würde ein solches Wachstumsunternehmen jederzeit wieder an die Börse bringen", sagt Ex-mobilcom-Chef Gerhard Schmid rückblickend. mobilcom steigerte den Unternehmenswert im ersten Börsenjahr um 2800 Prozent. In der New-Economy-Euphorie hielten Banker, Aktionäre und Journalisten den Neuen Markt lange für eine unerschöpfliche Goldgrube. Wer nicht mindestens einen NEMAX-Wert (NEuer MArkt IndeX) in seinem Depot hatte, galt unter Anlegern als hoffnungsloser Fall.

Doch nie gesehene Kursrallyes brachten den Neue Markt schon bald nach seiner Gründung als "Zockermarkt" in Verruf. Aufgeblasene Bilanzen, Insiderhandel und Kursbetrug gaben der New Economy den Rest. So hatte der Münchner Telematik-Spezialist ComROAD fast seine gesamten Umsätze erfunden, die Brüder Haffa - einst als Millionärsmacher gefeiert - mussten eingestehen, dass die Bilanzen ihrer Medienfirma EM.TV nicht stimmten und landeten vor Gericht.

Im März 2002 räumte sogar der damalige Börsenchef Werner Seifert ein, es habe am Neuen Markt "kriminelle Machenschaften" gegeben. Börsenmanager Rainer Riess bekräftigt: "In einigen Fällen verhielten sich Manager gesetzeswidrig und unethisch." Immer länger wurde die Liste der geschassten Börsenstarter - mit so kunstvollen Namen wie FortuneCity.com, InfoGenie, e.multi und LetsBuyIt.com. Der Auswahlindex der Wachstumsbörse, der NEMAX 50, brach von Rekordständen von fast 10.000 Punkten zwischenzeitlich auf nur noch einige hundert Punkte ein. Die Spekulationsblase platzte, binnen weniger Monate stürzte das Börsenbarometer 2000/2001 ab.

"Wir haben immer auf die höheren Risiken des Neuen Marktes für Privatanleger hingewiesen", betont der Chef des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Rüdiger von Rosen. "In der ganzen Börseneuphorie wurde vieles trotz strenger Vorschriften nicht beachtet - oft wurden nur die steil steigenden Kurse gesehen." Der Bonner Finanzwirtschaftler Erik Theissen ist überzeugt: "An den Regeln hat es nicht gelegen, die waren strenger als in anderen Segmenten." Doch der Neue Markt sei in eine Zeit geraten, "in der die Aktienbewertung insgesamt etwas aus den Fugen geraten war". Manches andere auch, wie mobilcom-Gründer Schmid meint: "Die Banken haben doch damals jeden an die Börse gebracht, der einen ambitionierten Geschäftsplan vorgelegt und dabei das Wort Internet richtig geschrieben hat."

Trotz aller Kritik gibt es auch fast vier Jahre nach dem Aus für das Börsensegment noch immer Rufe nach seiner Wiederbelebung. Viele Experten meinen, die Idee des Neuen Marktes, jungen Unternehmen an der Börse Geld zu verschaffen, habe eine zweite Chance verdient. "Wir müssen Börsengänge auch für kleinere und jüngere Unternehmen ermöglichen", sagt etwa der Bonner Wissenschaftler Theissen.

Bei vielen Anlegern jedoch hat der Börsencrash das Vertrauen in Aktien nachhaltig erschüttert: Seit 2000 sank die Zahl der Aktionäre in Deutschland laut Aktieninstitut um 2,5 Millionen auf derzeit gut zehn Millionen. Zehn Jahre nach seiner Gründung erinnert auf der Internet-Seite der Deutschen Börse AG heute nur noch ein nüchterner Eintrag an die Boomzeiten: "Das privatrechtliche Segment Neuer Markt wurde von der Deutschen Börse am 5. Juni 2003 geschlossen." Vielleicht hat mancher Anleger zumindest noch eine Erinnerung an einstige Börsenzeiten: Nach Medienberichten schenkte die Internetfirma Concept auf der Feier zu ihrem Börsengang Ende März 2000 jedem Partygast das Brettspiel "Wie verbrenne ich eine Million".

Er würde an diesem Samstag zehn Jahre alt: Am 10. März 1997 ging in Frankfurt der Neue Markt an den Start. Doch dem rasanten Aufstieg folgte bald ein tiefer Fall - bereits im Sommer 2003 wurde das skandalträchtige Börsensegment geschlossen. Heute scheint das Platzen der große "New Economy"-Blase lange Vergangenheit, neue Internetunternehmen der Generation Web 2.0 sind aktiv. Doch Privatanlegern, die ihre oft ersten Schritte an der Börse schnell bereuten, haben sich die turbulenten Zeiten des Neuen Marktes ins Gedächtnis gebrannt - viele lassen noch immer die Finger von Aktien, die Kursgewinne der vergangen Jahre haben sie verpasst. Die Unternehmer von damals sind unterschiedliche Wege gegangen.

Wenige Jahre nach dem Ende des Neuen Markts finden sich wieder mehr Internet-Unternehmen auf den Kurszetteln der Börsen. Den Boden bereitete vor allem der erfolgreiche Börsengang des amerikanischen Suchmaschinen-Betreibers Google. "Internetfirmen müssen heute Geld verdienen, wenn sie an die Börse kommen", sagt ein Experte. Die teure Übernahme des Video-Archivs YouTube und der geglückte Börsengang des profitablen deutschen Internetportal-Betreibers openBC sorgten für eine neue Euphorie in der Branche. Experten warnen indes vor einer neuen Blase: Die Preise für Internetfirmen seien drastisch gestiegen, sagt ein Analyst. Die Anleger sollten nun aufpassen, dass der Markt nicht überhitzt.

Die meisten Protagonisten aus den Zeiten des Neuen Markts wie Mobilcom-Chef Gerhard Schmid oder die Haffa-Brüder von EM.TV sind längst von der Bildfläche verschwunden, auch wenn es die Unternehmen noch gibt. Wenige Unternehmen wie zum Beispiel IDS Scheer, AIXTRON oder MorphoSys schafften es, die Pleitewelle Anfang des Jahrtausends zu überstehen. Doch deren Aktienkurse sind derzeit weit von den einstigen Höchstständen entfernt. Von den damaligen Stars der Szene schaffte es nur Ralph Dommermuth mit seinem Internetdienstleister United Internet, den Börsenwert von damals zu überbieten.

Andere Unternehmer haben einen zweiten Versuch in neuer Umgebung gewagt. So hat etwa Rolf Hansen, ehemals Vorstand von LetsBuyIt.com, mit E-Plus den Mobilfunk-Billiganbieter Simyo gegründet. Seine Erfahrungen mit dem Internethändler - von der Expansion, über den Börsengang bis zur Restrukturierung - seien eine Grundlage für das erneute Unternehmerengagement gewesen, sagt er. Erst das Internet habe - auch nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes - Geschäftsmodelle wie das des Mobilfunkanbieters ermöglicht. "Durch den unternehmerischen Erfolg mit Simyo fühle ich mich darin bestätigt, dass es sich lohnt, nach Rückschlägen weiterzumachen", sagt Hansen. Börsenpläne hegt das Unternehmen derzeit aber nicht.

Die Erfolggeschichte des Neuen Marktes, entstanden als Segment für junge Unternehmen nach dem Vorbild der US-Technologiebörse NASDAQ, dauerte nur drei Jahre: Am 10. März 2000 erklimmt der Auswahlindex Nemax 50 den historischen Höchststand von 9666 Punkten - nach einem rechnerischen Start bei 1000 Ende 1997. Besonders Internetfirmen treiben das Segment an und damit die Kurse in luftige Höhen. Einige Unternehmen erreichen zeitweise einen höheren Börsenwert als Industriekonzerne. Börsenbriefe und TV-Sendungen heizen die Stimmung an.

Mitte 2000 kommen "Todeslisten" mit möglichen Pleitekandidaten in Umlauf, die Gier der Anleger schlägt in Panik um. Der Ausverkauf beginnt, die Kurse purzeln. Der Börsenwert des Neuen Marktes, im Mai 2000 auf dem Papier bei 250 Milliarden Euro, schrumpft bis zum Jahresende auf etwa 100 Milliarden Euro zusammen. Pleiten und Skandalen häufen sich: Gigabell beantragt als erstes die Insolvenz. Für Pleitekandidat Brokat nennt eine Bank das Kursziel "0 Euro". Noch größeres Aufsehen erregen Firmen wie der Telematikanbieter ComROAD, dessen Gründer Umsätze im großen Stil erfindet.

Bei Privatanlegern hat der Schock von damals Spuren hinterlassen, den kontinuierlichen Anstieg der Aktienmärkte in den vergangen fünf Jahren verpassten viele. Waren laut Deutschem Aktieninstitut (DAI) 2001 noch 12,85 Millionen Menschen in Deutschland in Aktien oder Aktienfonds investiert, so sank die Zahl bis zum vergangenen Jahr auf 10,31 Millionen. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) spricht von einem Abschmelzungsprozess. "Anleger warteten ab, bis sie mit ihren Investments wieder auf null sind, um dann zu verkaufen" sagt er. Jene, die am Neuen Markt erste Erfahrungen gesammelt hätten, blieben heute fern. Andere, die schon lange dabei waren, seien der Aktie dagegen treu geblieben.

"Die Deutschen haben sich nicht von der Börse an sich verabschiedet", sagt Kurz, "es ist die Aktie, die sie scheuen." Indirekte Anlageformen wie Zertifikate oder Dachfonds seien beliebter. "Anleger wollen alles, was das Risiko abzufedern scheint. Dieser Gedanke ist ein klarer Ausfluss aus den Erfahrungen des Neuen Marktes", resümiert Kurz. Das Freiverkehrssegment Entry Standard mit geringen Transparenzanforderungen für kleinere Unternehmen sei ein Nachfolger des Neuen Marktes. "Dort kommen Geschäftsideen auf den Markt, die - ohne gleich unseriös zu sein - auch mal nicht funktionieren." Das Segment sei nichts für risikoaverse Kleinanleger, was die Deutsche Börse aber auch betone. "Einen neuen Imageschaden braucht sie nicht", sagt Kurz. (dpa/tc)

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