04.06.2008, 11:29

Wolfgang Herrmann

Neuer Hype

Cloud Computing - was ist damit gemeint?

Rechenleistung aus der Steckdose, die von einem schwer zu definierenden Gebilde aus Rechenzentren und sonstiger IT-Infrastruktur bezogen wird - ungefähr so lässt sich der gemeinsame Nenner der Experten beschreiben. Doch was verbirgt sich wirklich dahinter?

Definitionen, Erklärungen und Beschreibungen von Cloud Computing gibt es ungefähr so viele wie es Analystenhäuser und große Hardware- und Software-Hersteller gibt. Je nach dem, was sich jeder von ihnen für sich selbst und seine Firma verspricht, werden jeweils andere Aspekte nach vorne gekehrt und betont. Bei Salesforce.com beispielsweise, die ihre Software als Dienstleistung anbietet, steht bei das Konzept von 'Software as a Service' (SaaS) im Mittelpunkt. Für IBM geht es bei der eigenen Wolke (Blue Cloud) vorwiegend um die IT-Infrastruktur, welche die Vision realisiert. Im Grunde genommen sei Cloud Computing nichts anderes als "eine Kombination aus Grid-Computing, wo es um reine Rechenleistung geht, und SaaS", sagt wiederum Dennis Byron, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Research 2.0.
Die Marktforscher von Gartner definieren das Konzept als "Bereitstellen skalierbarer IT-Services über das Internet für eine potenziell große Zahl externer Kunden". Von Gartner ist im laufenden Jahr planen die Analysten eine ganze Reihe einschlägiger Berichte und Studien zu erwarten. Das mit dieser Vision verbundene Veränderungspotenzial sei immens, so die Auguren, Cloud Computing werde sich zum "Buzzword des Jahres" entwickeln. Die Kollegen von Forrester Research haben sich bei rund 30 Unternehmen durchgefragt, die in dem Markt mitsprechen wollen, und daraus eine brauchbare Definition entwickelt. Cloud Computing steht demnach für einen "Pool aus abstrahierter, hochskalierbarer und verwalteter IT-Infrastruktur, die Kundenanwendungen vorhält und nach Verbrauch abgerechnet wird". Zugleich ziehen die Forrester-Experten eine scharfe Trennlinie zum SaaS-Paradigma.
Auch Frank Sempert vom Marktforschungs- und Beratungshaus Saugatuck Technology verweist auf diese Unterscheidung. Während SaaS-Anbieter sich nur auf die Anwendung konzentrierten, bündelten Cloud-Provider eine ganze Reihe von Komponenten für den Kunden. Dazu zählten unter anderem Netz-, Rechen- und Speicherresourcen samt entsprechenden Verträgen mit Zulieferern. Unterm Strich fasse die "Cloud" damit ganze IT-Welten zusammen.
Doch warum flammt der Hype gerade jetzt auf? Brauchen die Analysten nur ein neues Thema, die Hersteller eine Marketing-Hülle, in der sie altbekannte Konzepte servieren? Vieles spricht dafür, dass die Zeit für Cloud Computing gekommen ist, weil mehrere Schlüsseltechnologien - die viel zitierten Enabler - inzwischen ausgereift und praxiserprobt sind. Dazu gehört Virtualisierung in verschiedenen Ausprägungen ebenso wie Grid Computing oder ausgefeilte Provisioning-Software. Aber auch die allgemein verfügbaren hohen Bandbreiten für den Zugang zur "Compute Cloud" machen anspruchsvolle Angebote erst möglich.
Dennoch gibt es auch unter den Softwareanbietern kritische Stimmen. Jan Wildeboer etwa, Solution Architect bei Red Hat, sieht Cloud Computing als Teil des typischen "Buzzword-Bingo". Ebenso gut könne man das Phänomen "Outsourcing für Compute-Ressourcen" oder schlicht "Grid for Rent" nennen. Für Red Hat stecke hinter Cloud Computing letztlich nur eine neue Deployment-Plattform. Der Unterschied zu hergebrachten Ansätzen liege in der Abstrahierungsebene, die durch Virtualisierungstechniken gelegt werde.
Ganz anders Alfred Zollar, Chef der Tivoli-Sparte in IBMs Software Group. Bei Cloud Computing gehe es im Kern darum, Ressourcen dynamisch zur Verfügung zu stellen, erläutert der Manager im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE. Im Vergleich zu älteren Konzepten könnten Nutzer mit erheblich schnelleren Reaktionen auf Kapazitätsanfragen rechnen. IBM etwa nutze intern eine Cloud. Sie ermögliche es Mitarbeitern, sich mit wenigen Mausklicks eine gewünschte Rechenkapazität inklusive Speicher und sonstiger Komponenten zusammenzustellen. Die komplette Infrastruktur stehe nach zirka 20 Minuten bereit; Anwender würden automatisch per Mail benachrichtigt.
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