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Umdenken bei Microsoft

27.02.2008 | 11:40 Uhr |

In Microsofts Chefetagen scheint sich ein Umdenken anzukündigen. Der geplante Kauf von Yahoo und die Offenlegung wichtiger Schnittstellen, die zuvor wie Staatsgeheimnisse gehütet wurden, sind die ersten Anzeichen für eine neue Strategie.

Dass Yahoo einen neuen Besitzer finden wird, scheint im Moment sehr wahrscheinlich zu sein. Ob Microsoft der Käufer ist und es beim angebotenen Preis von 45 Milliarden Dollar bleibt, ist noch unklar. Auf der einen Seite der Kampflinie steht das Board von Yahoo, das angehalten ist, den maximalen Wert für die Aktionäre zu erzielen. Die Mitglieder sind derzeit der Meinung, dass mehr Geld bei Microsoft zu holen ist. Auf der anderen Seite steht Microsoft und will selbstverständlich so wenig wie möglich für eine Übernahme bezahlen. Die dritte Größe im Machtspiel sind die leitenden Angestellten bei Yahoo, die in diesem Fall aber wohl den geringsten Einfluss haben werden. Ihr Interesse besteht darin, den Verkauf gänzlich zu verhindern.

IDC-Analyst Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC: Microsofts Lizenzgeschäft stößt an seine Grenzen!
Vergrößern IDC-Analyst Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications bei IDC: Microsofts Lizenzgeschäft stößt an seine Grenzen!
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IDC erwartet, dass Yahoos Board erst einmal keine intensiven Gespräche anstrebt, weil damit für die Aktionäre nicht viel gewonnen wäre. Für eine Blockadehaltung spricht auch die Tatsache, dass der Konzern kürzlich angekündigt hat, seinen Mitarbeitern erweiterte Abfindungspakete anzubieten, falls sie infolge einer Übernahme entlassen werden sollten. Diese Maßnahme stellt sicherlich die einfachste Form einer "Giftpille" für Microsoft dar, um den Übernahmepreis in die Höhe zu treiben.

Für Microsoft besteht zunächst keine Veranlassung, das Angebot zu erhöhen. IDC geht davon aus, dass Redmond den Weg der Einflussnahme über das Board einschlagen wird. Nach letzten Informationen will Microsoft in der Auseinandersetzung mit Yahoo versuchen, eine Änderung der Zusammensetzung des Verwaltungsrats von Yahoo zu bewirken. Der Plan besteht darin, auf der nächsten Aktionärsversammlung neue Direktoren in das Board zu wählen, die einer Übernahme von Yahoo durch Microsoft wohlwollend gegenüberstehen. Die Versammlung findet im Juni dieses Jahres statt. Dabei steht das gesamte Board vor einer Wiederwahl, womit sich für Microsoft theoretisch eine gute Operationsbasis ergibt.

Am Ende sind es die Aktionäre, die entscheiden müssen, ob sie Microsoft und Yahoo gemeinsam zutrauen, Google in seinem Kerngeschäft - der Internet-Werbung - ernsthaft anzugreifen. Außerdem müssen sie pokern: Wird Microsoft bereit sein, das Angebot zu erhöhen? Gäbe es diese Chance, müssten sich die Aktionäre von Yahoo zunächst gegen die Übernahme entscheiden. Andernfalls sollten sie das Angebot besser annehmen.

Eines ist in jedem Fall klar: Microsoft wird nicht umhin können, sein Lizenzmodell zu ändern. Derzeit beruht es darauf, abhängig von verkauften Einheiten – sprich PCs und Servern - durch darauf installierte Microsoft-Software Lizenzeinnahmen zu generieren. Dieses Modell war tragfähig, solange kein Konkurrent eine ähnliche Marktstellung wie Microsoft erlangen konnte. Inzwischen aber generiert Google sein Einkommen durch Werbeeinkünfte und attackiert gleichzeitig Microsoft in seinem Kerngeschäft.

Microsoft kann sich in dieser Situation nicht mit traditionellen Maßnahmen des Wettbewerbs wehren. Es bleibt dem weltweit größten Softwarehaus nichts anderes übrig, als sich auf die Spielregeln seines Widersachers einzulassen. Durch eine Übernahme von Yahoo zusammen mit einer strategischen Ausrichtung auf das Anzeigengeschäft im Internet würde die Chance für ein Gleichziehen der Kampf- beziehungsweise Wettbewerbsmittel bestehen.

Aus Microsoft-Sicht ist diese Entwicklung alles andere als erfreulich. Das Unternehmen würde es viel lieber sehen, wenn es eine ähnliche herausragende Stellung durch Lieferung von Software auf anderen Systemen als PCs sicherstellen könnte. Potenzielle Kandidaten wären 90 Prozent der Mobiltelefone oder ein kleines Stück Softwarecode auf den millionenfach produzierten RFID-Chips, auf die Microsoft dann eine Lizenzgebühr erheben könnte. Der Rest der Industrie hat allerdings kein Interesse an einer solchen Entwicklung und tut alles, um hier eine ähnliche Stellung von Microsoft wie im PC-Bereich zu verhindern. Googles Bereitstellung einer Entwicklungsplattform für Mobiltelefone " Android " ist nur ein Beispiel dafür.

Microsoft ist also sozusagen "in der Box". Es scheint sich zu bewahrheiten, dass die Innovationskraft im klassischen Produktbereich (Betriebssystem, Office-Produkte) deutlich nachlässt. Dies manifestiert sich auch darin, dass immer mehr Open-Source-Produkte (unter anderem OpenOffice) als Alternative genutzt werden. Bisher genoss Microsoft Zustimmung für die Aussage, dass Microsoft-Produkte besser und billiger als die des Mitbewerbs seien. Seit dem Einzug von Open Source in die Unternehmenswelt hat dieses Argument an Überzeugungskraft verloren. Im gleichen Maß, in dem sich offene, auf Standards basierende Entwicklungsplattformen außerhalb der Microsoft-Weltetablieren, leidet die Microsoft-Entwicklergemeinschaft.

Microsofts neuer Weg, die weitgehende Offenlegung von internen Schnittstellen, wird stark durch Gesetzmäßigkeiten der Open-Source-Community beeinflusst. IBM hat schon vor längerem erkannt, dass das hierarchische Modell in einer Welt der völligen Transparenz durch das Internet nicht mehr tragfähig ist. IBM hat sich selbst zum glaubhaften Vorreiter der Open-Source-Welt entwickelt und profitiert prächtig davon. Außerdem setzt IBM Open Source als Wettbewerbsinstrument gegen Microsoft ein. Dabei spielt sicher – wenn auch nur unterschwellig – die in der Vergangenheit verlorene Schlacht mit OS/2 gegen Windows eine Rolle.

Beim Kampf um die Entwicklerressourcen hat Microsoft erkannt, dass Informationen die einzige Ressource ist, die sich durch Teilen vermehren lässt. Die im Internet allgemein akzeptierten Regeln von Open Collaboration sind nicht mehr kompatibel mit dem zentralistischen Kontrollmonopol durch einen einzigen Hersteller. Die Microsoft-Ankündigung vom 21. Februar 2008 gibt Hinweise darauf, inwieweit sich das Unternehmen den Internet-Spielregeln anpassen will.

Es sollen weitgehend alle internen Schnittstellen der so genannten "High-Volume-Produkte" ( Windows Vista inklusive .NET Framework, Windows Server 2008 , SQL Server 2008 , Office 2007 , Exchange Server 2007 und Office SharePoint Server 2007 sowie alle zukünftigen Versionen dieser Produkte) offen gelegt werden. Interessanterweise will Microsoft nicht die Schnittstellen der Dynamics-Reihe (ERP, CRM etc.) offen legen. Aus dieser Entscheidung wird klar, worauf es Microsoft wirklich ankommt: Auf die Verankerung der Microsoft Plattform-Produkte bei zukünftigen Entwicklungen neuer Software-Produkte.

Microsoft schlägt sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen kann das Unternehmen den Auflagen der EU gerecht werden und sich andererseits als Teil der Open-Source-Entwicklergemeinschaft empfehlen. So stellt Microsoft sicher, dass sich nicht zukünftig immer mehr Entwickler von der Microsoft-Plattform abwenden.

Mit dieser doppelten Änderung in der Strategie geht Microsoft ein relativ hohes Risiko ein. Schließlich hat man bisher nie beweisen müssen, dass eine Übernahme der Größenordnung von Yahoo erfolgreich gemeistert werden kann. Andererseits hat Microsoft wenig Erfahrung und ein geringes Maß an Glaubwürdigkeit in der Open-Source-Community. Auch hier wird das Unternehmen massiv investieren müssen, um die bisherigen Vorbehalte zu überwinden. Eins ist allerdings klar: Das Internet und die damit verbundenen neuen Spielregeln haben diese massiven Strategieänderungen ausgelöst und werden Microsofts Zukunft bestimmen. Es gibt keinen glaubwürdigen Weg zurück. (hv)

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