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Napster: Die Zukunft der Tauschbörse

02.11.2000 | 12:02 Uhr |

Der Meldung kam überraschend: "Napster wird von Bertelsmann mehrheitlich übernommen," hieß es aus den Tickern der Nachrichtenagenturen. Somit schluckt die weltweit zweitgrößte Plattenfirma den Erzrivalen der Musikbranche, die kostenlose Musiktauschbörse Napster. Bertelsmann hat große Pläne mit Napster - doch wird das neue Konzept aufgehen, die Napster-Nutzer für Mp3-Titel zahlen zu lassen? Wird Napster vom Saulus zum Paulus?

Der Meldung kam überraschend: "Napster wird von Bertelsmann mehrheitlich übernommen" hieß es aus den Tickern der Nachrichtenagenturen. Somit schluckt die weltweit zweitgrößte Plattenfirma den Erzrivalen der Musikbranche, die kostenlose Musiktauschbörse Napster.

Napsters Höhenflug war in arge Turbulenzen geraten, nachdem der Verband RIAA (siehe Glossar) Klage eingereicht hatte. Bis dahin hatte Napster alle Rekorde gebrochen und war zu dem am schnellsten wachsenden Angebot im Internet geworden. Seine Beliebtheit verdankte die Tauschbörse einem einfachen Prinzip: Mp3-Dateien können per Mausklick unter den weltweit 37 Millionen registrierten Napster-Nutzern ausgetauscht werden.

Das hierbei natürlich die Urheberrechte außer Acht gelassen werden liegt auf der Hand. Das kleine Napster gegen die großen Plattenfirmen - die Musikbranche konnte sich das nicht gefallen lassen und so kam die Klage prompt.

Nach einem schlechten Start vor Gericht wendete sich allerdings die Lage und selbst Kenner des amerikanischen Rechtssystems wagten keine genauen Prognosen mehr, wer den Rechtsstreit gewinnen würde.

Nun hat Bertelsmann die Angelegenheit mit modernen Mitteln gelöst und Napster einfach mit Geld besiegt. Ebenso schnell, wie die Übernahme über die Bühne ging, beeilte sich der Konzern auch die Klage gegen Napster zurückzuziehen. Vieles hatten sich die Napster-Nutzer gewünscht, sicherlich aber nicht, dass eine Plattenfirma den modernen "Robin Hood" schluckt.

Die Pläne von Bertelsmann sind klar: Napster soll vom Saulus zum Paulus werden. Napster soll im Abonennten-System weiterhin den Austausch von Musik-Titeln erlauben. Die Zeiten des kostenlosen Tauschens wären damit ein für alle Male vorbei. Unter vorgehaltener Hand ist von 4,95 Dollar die Rede, die die Tauschwilligen monatlich zu zahlen hätten.

Napster erhält von Bertelsmann ein beträchtliches Darlehen, dass es erlauben soll, dass System umzustellen. Im Gegenzug wird Bertelsmann dann seine komplette Palette an Künstlern - darunter Britney Spears, Christina Aguilera und Carlos Santana - und deren Musik-Stücke zur Verfügung stellen.

In einem ersten Statement der beiden Unternehmen heißt es: "Wir streben die Unterstützung der anderen Musikunternehmen an, um Napster als von der Mehrheit akzeptiertes Mitglieder-basierten Service zu etablieren. Wir laden alle ein, sich aktiv an diesem Fortschritt zu beteiligen."

Dabei ist allerdings fraglich, ob sich die übrig gebliebenen großen Vier der RIAA - Sony, Universal, Warner und EMI - mit dem geänderten Konzept anfreunden können. Sie selbst planen schon seit einiger Zeit eigene Systeme, um ihre Titel über das Internet zu verkaufen. Wenn sich aber nicht alle Musikkonzerne beteiligen, ist fraglich ob das neue Napster-Konzept aufgehen wird.

Fraglich ist auch, wie erreicht werden soll, dass die von Napster genutzte "Peer-to-Peer"-Technologie (siehe Glossar) sicher gemacht werden soll. Fachleute betonen, diese Methode sei nicht abzusichern.

Ebenfalls bleibt fraglich, warum nun die Millionen von Napster-Nutzern sich das neue System gefallen lassen sollen, in Zukunft für die bisher kostenlosen MP3-Titel Geld zu zahlen. Zahlreiche Napster-Konkurrenten waren in der Vergangenheit auf den Napster-Zug aufgesprungen und hatten eigene Lösungen angeboten. Gnutella beispielsweise wird auch in Zukunft MP3-Titel kostenlos anbieten. Wieso also für Napster dann noch Geld zahlen?

So gibt es auch im Napster-Netz selbst noch die so genannten "OpenNaps". Inoffizielle Napster-Server die von Privatleuten genutzt werden und die mit dem kostenlosen Tool "Napigator" mühelos aufgespürt werden können.

Der Internet-Nutzer wird also in Zukunft virtuell vor der Entscheidung stehen: Nehme ich Britney Spears für einen halben Dollar oder lieber Britney Spears kostenlos? Wie würden Sie entscheiden? (PC-WELT, 02.11.2000, pk)

PC-WELT Ratgeber: Napster und die Alternativen

Download von Gnutella

Download von Napigator

Napster verkauft (PC-WELT Online, 31.10.2000)

Groove: Nachfolger von Napster & Co? (PC-WELT Online, 30.10.2000)

Napster: Robin Hood der Gegenwart (PC-WELT Online, 11.10.2000)

Napster noch online (PC-WELT Online, 03.10.2000)

Napster: Vorbereitungen für die nächste Runde (PC-WELT Online, 18.08.2000)

Napster erhält Gnadenfrist ! (PC-WELT Online, 29.07.2000)

Napster wehrt sich (PC-WELT Online, 28.07.2000)

Napster muss schließen (PC-WELT Online, 27.07.2000)

Napster-Verbot am 26. Juli? (PC-WELT Online, 05.07.2000)

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