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Mordaufrufe per Napster

19.12.2000 | 16:09 Uhr |

Die Internet-Musikbörse Napster wird nach Erkenntnissen des niedersächsischen Verfassungsschutzes zunehmend von Rechtsextremen benutzt. Napster habe sich zur zentralen Plattform für den Austausch rechtsextremer Musik entwickelt, bestätigte Behördensprecher Rüdiger Hesse am Dienstag in Hannover.

Die Internet-Musikbörse Napster wird nach Erkenntnissen des niedersächsischen Verfassungsschutzes zunehmend von Rechtsextremen benutzt. Napster habe sich zur zentralen Plattform für den Austausch rechtsextremer Musik entwickelt, bestätigte Behördensprecher Rüdiger Hesse am Dienstag in Hannover.

Dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) hatte er zuvor gesagt, bei Napster kämen inzwischen alle indizierten und strafbewährten Titel zum Tausch. "Wir müssen diesen Sachverhalt öffentlich machen", sagte Hesse. Der Bertelsmann-Konzern, der im Oktober eine strategische Allianz mit Napster eingegangen ist, verurteilte am Dienstag den Missbrauch der Musikbörse zur Verbreitung von Hass und Gewalt.

"Bislang wurden in Deutschland aufgenommene Stücke und im Ausland hergestellte CDs konspirativ unter der Hand verkauft", sagte Hesse. Die Tauschbörse habe dafür gesorgt, dass Rechtsextreme ungestört Titel verbreiten könnten, in denen zu Mord aufgerufen werde. Für Raubkopien werden nach Hesses Angaben zwischen 25 und 30 Mark verlangt. Interesse daran hätten nicht nur die rund 9 000 Neonazis in Deutschland, "offenkundig sind auch andere dafür ansprechbar". Für den Verfassungsschutz sei das Thema erst in jüngster Zeit relevant geworden. Es müsse auf Bundesebene aufgegriffen werden, sagte er.

Der Austausch von rechtsradikalem gewaltverherrlichendem Gedankengut durch Napster-Benutzer verstoße gegen die Nutzungsbedingungen der Musikbörse, erklärte am Dienstag Andreas Schmidt, Geschäftsführer der für Napster zuständigen Bertelsmann eCommerce Group. Die BeCG werde im "Rahmen ihrer Möglichkeiten" eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten.

Schmidt betonte, dass im File Sharing (Datenaustausch) von Napster jeder Nutzer für sich selbst entscheide, welche Titel er anderen Usern zum Transfer anbiete. Die Musik im Napster-Netzwerk sei nicht auf einem zentralen Rechner des Unternehmens gespeichert, sondern auf den Computern der weit über 40 Millionen Nutzer. "Napster ist, wie jeder Internet-Provider oder auch die Post, lediglich die Transport-Plattform."

Als Problem bei der Kontrolle der Inhalte bei Napster gelten nach Ansicht von Experten die weltweite dezentrale Vernetzung sowie die unterschiedlichen Rechtsnormen in den einzelnen Ländern. Bertelsmann hatte sich im Oktober an Napster beteiligt, um eine Plattform für den Musikvertrieb aufzubauen, bei der auch der Schutz der Urheberrechte geregelt sein soll. Das 1999 von dem US-Studenten Shawn Fanning gegründete Napster war wegen Urheberrechtsproblemen von der Musikindustrie mit Klagen überzogen worden.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Niedersächsischen Landtag, Axel Plaue, forderte am Dienstag Bertelsmann auf, seinen Einfluss bei Napster zu nutzen. "Ein weltweit operierendes Medienunternehmen steht in der Verantwortung, der Verbreitung von Rassismus, Fremdenhass und Gewalt Schranken zu setzen", so Plaue. (PC-WELT, 19.12.2000, dpa/ pk)

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