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Mercedes-Benz F 015: Luxus und Lebensraum auf 4 Rädern

07.01.2015 | 09:26 Uhr |

Daimler-Chef Dr. Dieter Zetsche hat in seiner Keynote zur CES 2015 in Las Vegas das Forschungsfahrzeug F 015 Luxury in Motion vorgestellt. Dieser Prototyp eines autonom fahrenden PKWs mit futuristischem Design versucht nicht nur mit seinen Passagieren und mit Verkehrsteilnehmern um sich herum zu kommunizieren, sondern blendet auch für vor ihm stehende Fußgänger einen virtuellen Zebrastreifen auf der Straße ein.

Die CES-Keynote von Daimler-Chef Dieter Zetsche war sehr auf den amerikanischen Geschmack zugeschnitten. Also mit den typischen emotional-euphorisierenden Filmen mit fast schon pathetischen Unterton, viel Musik und Zukunfts- beziehungsweise Technik-Optimismus. Das Publikum im randvoll gefüllten Chelsea-Ballroom im Hotel Cosmopolitan dankte die Vorstellung mit artigem Applaus.

CES-Keynote von Daimler-Chef Dieter Zetsche
Vergrößern CES-Keynote von Daimler-Chef Dieter Zetsche

 
Zetsche begann seine durchaus launige und unterhaltsame Keynote mit einer Schilderung des Status quo in Sachen autonomes Fahren. Das war noch nichts Neues, die geschilderten Szenarien und Technologien dürften keinen Kenner der Materie überrascht haben. Richtig neu dagegen war dann der Prototyp eines autonom fahrenden Pkws, der nach einem längeren Film dann tatsächlich auf die Bühne rollte: Der F 015 Luxury in Motion.

Lounge auf Rädern
 
Der F 015 ist innen wie außen ausgesprochen futuristisch gestaltet - wie man es halt von einem Forschungsfahrzeug beziehungsweise von einer Studie erwarten darf. Die Insassen sitzen in einem Lounge-artigen Innenraum einander zugewandt, der Fahrersitz ist also grundsätzlich nach hinten gedreht. Ein (im Armaturenbrett versenktes) Lenkrad und Gas- und Bremspedale sind aber noch vorhanden, die vorderen Sitze lassen sich nach vorne drehen und das Lenkrad lässt sich ausfahren, sobald man den autonomen Fahrbetrieb abschaltet. Die Platzverhältnisse im Inneren sind zwar offensichtlich sehr großzügig bemessen, auf das für den Alltag wichtige Kofferraumvolumen ging Zetsche jedoch nicht ein. Dafür wies der Daimler-Chef umso mehr auf die riesigen Touchscreens hin, die die Türinmenseiten (hier sollen unter anderem Points of Interest, Adressbücher oder Playlists sowie virtuelle Welten angezeigt werden) und das Armaturenbrett sowie die Rückwand großenteils ausfüllen. Schließlich soll der F 015 durch und durch ein Auto für Multimedia und Konnektivität sein. Inklusive Gestensteuerung und Eye-Tracking - das Auto liest den Insassen also teilweise auch deren Wünsche von den Augen ab.

CES-Keynote von Daimler-Chef Dieter Zetsche
Vergrößern CES-Keynote von Daimler-Chef Dieter Zetsche

 
Mit dem F 015 sollen die Menschen ihre knappe Zeit auch während der Fahrt sinnvoll für die Dinge nutzen können, die ihnen wichtig sind. Womit der Wagen nicht mehr nur ein Transportmittel, sondern eine Art "mobiler Lebensraum" wird, so Zetsche.
 
Lichtzeichen
 
Damit steht auch schon fest, dass es sich bei dem F 015 um ein vollautonomes Fahrzeug handelt. Lassen wir die noch immer offenen rechtlichen Fragen einmal beiseite, so sind einige Automobil-Hersteller dem Thema autonomes oder automatisiertes Fahren schon jetzt recht nahe. Nicht nur Mercedes-Benz, sondern auch BMW und Audi. Das hoch- oder vollautomatisierte Fahren ist also insofern nichts wirklich Neues mehr und wäre für eine auf der CES gezeigte Studie kaum ausreichend. Doch der F 015 kann natürlich nochmal mehr - er soll nämlich mit anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren. Und damit sind nicht etwa Telematikdienste gemeint, sondern zum Beispiel Lichtsignale. Das sieht dann so aus: geht vor dem Auto ein Mensch vorbei, so zeigt der F 015 das im Heckbereich durch eine Lichterfolge an. Die hinter dem F 015 stehenden Verkehrsteilnehmer werden also davor gewarnt, dass sie nicht einfach überholen dürfen, weil sie  sonst plötzlich einen Menschen vor der Kühlerhaube haben würden.
 
Ganz grundsätzlich nehmen die vielen LEDs im Kühlergrill und an der Rückseite für die Kommunikation mit der Umwelt einen wichtigen Platz ein. So signalisiert das Fahrzeug über unterschiedliche Farben, ob man selbst lenkt und bremst oder ob der F 015 autonom unterwegs ist. Denn Zetsche war es wichtig zu betonen, dass der Fahrer jederzeit wieder selbst das Kommando übernehmen kann, wenn der selbst fahren will.
 
Ein anderes Beispiel, dessen Praxisnutzen doch recht fragwürdig erscheint: der F 015 blendet für einen vor ihn stehenden Menschen einen virtuellen Zebrastreifen auf der Fahrbahn ein. Damit der sicher die Straße überqueren kann. Was Mercedes-Benz jedoch nicht sagt: wer haftet, wenn doch ein anderes Auto überholt und den Fußgänger auf dem virtuellen Zebrastreifen anfährt?
 
Eigenwillige Optik und ziemlich lang
 
Das Außendesign ist zumindest diskussionswürdig, es entspricht nicht wirklich den heutigen Vorstellungen von einer Luxus-Limousine. Aber auch das ist ja für Prototypen nicht ungewöhnlich. Verantwortlich für das Design zeichnet wieder Gordon Wagener, der Chef-Designer von Mercedes-Benz. Er hat seinerzeit bei der Vorstellung der C-Klasse mit dem freistehenden Bildschirm auf dem Armaturenbrett für reichlich Diskussionen unter den Mercedes-Benz-Fans gesorgt.
 
Die Abmessungen des F 015 haben S-Klasse-Verhältnisse: mit 5,22 Metern Länge eignet sich der Zukunftswagen nicht wirklich als Antwort auf die immer schwierigere Parkplatzsuche in Großstädten. Anscheinend stellt sich Mercedes-Benz die Lösung so vor, dass die autonomen Fahrzeuge ihre Insassen in der Stadt absetzen und dann am Stadtrand parken. Was dann aber zusätzlichen Verkehr erzeugen würde.
 
Die Karosserie besteht aus karbonverstärktem Kunststoff und Aluminium sowie hochfesten Stählen. Das Fahrzeug steht auf 26 Zoll Rädern. Dass der Prototyp mit allen nur denkbaren Sensoren zur Umgebungserfassung vollgestopft ist, versteht sich von selbst.
 
Die hinteren Türen des viertürigen Wagens klappen übrigens nach hinten aus. So wie schon beim BMW i3. Allerdings vermeidet Mercedes-Benz den Fehler von BMW und hat die Sicherheitsgurte für die hinteren Sitze direkt an den Sitzen befestigt. Und nicht an den Türen, was beim i3 das zeitgleiche Einsteigen und Angurten der Insassen auf den Vorder- und Rücksitzen unmöglich macht.
 
Die Motorleistung (eine Kombination aus Elektromotor und Wasserstoffantrieb soll hinein passen) gibt Mercedes-Benz mit 272 PS an. Die beiden Elektromotoren sind über der angetriebenen Hinterachse angeordnet.
 
Mercedes-Benz will den F 015 eigens für die diesjährige CES entworfen haben. Da ließ es sich der CES-Chef nicht nehmen und fuhr höchstpersönlich mit dem F 015 auf die Bühne.

Nicht so revolutionär, wie es aussieht. Aber unterhaltsam
 
Was also bleibt von der CES-Keynote von Mercedes-Benz? Das Auto der Zukunft fährt von selbst (nicht wirklich überraschend), steckt voller Internet- und Multimedia-Funktionen (dieser Trend ist bereits bei heute erhältlichen Fahrzeugen zu besichtigen) und soll dem Fahrer Zeit für andere Tätigkeiten verschaffen (das versprechen unter anderem auch Google und BMW). Das ist alles nicht so wirklich neu, war aber schön anzuschauen und dank der launigen Vortragsart von Zetsche auch durchaus unterhaltsam.

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