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"Krise ist keine Katastrophe"

03.05.2009 | 14:09 Uhr |

Das Medienjahr 2009 ist geprägt von der Finanz- und Wirtschaftskrise. Eine Katastrophe für die Zeitungsbranche sehen die europäischen Chefredakteure darin allerdings nicht. Wie in der Diskussion des European Editors Forum im Zuge des European Newspaper Congress in Wien deutlich wurde, nimmt die Branche die Krise sehr ernst, Horrorszenarien sind laut den Zeitungsvertretern jedoch fehl am Platz.

"Man muss vorsichtig mit dem Begriff Katastrophe umgehen und sollte sich die Frage stellen, ob die Wirtschaftskrise tatsächlich für alles verantwortlich ist", meint beispielsweise Christian Ortner, Chefredakteur Vorarlberger Nachrichten. Natürlich sei starker Druck zu spüren, das erste Quartal dieses Jahres sei für die österreichische Regionalzeitung jedoch durchaus solide verlaufen. Dass sich die Zeitungen 2009 in einer Krise befinden, dem stimmen auch die anderen Branchenvertreter im Zuge der Diskussion zu, Katastrophenalarm schlagen aber auch sie nicht. Die Chefredakteure fordern vielmehr dazu auf, der Situation entspannter gegenüber zu treten. "Wir müssen auch eine gewisse Gelassenheit zeigen", so Uwe Vorkötter, Chefredakteur Frankfurter Rundschau . Trotz der ernsten Lage stünde die Frankfurter Rundschau, die 2001 eine noch schlimmere Krise durchgestanden hatte, keineswegs vor dem Ruin. Bei der Basler Zeitung sieht man zudem weniger die Wirtschaftskrise im Vordergrund, sondern eine Krise "im Geschäftsmodell der bezahlten Tageszeitung", die jedoch schon vor rund zehn Jahren begonnen habe, wie Chefredakteur Matthias Geering verdeutlicht. Stefan Herbst Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung bedauert im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Turbulenzen vor allem, den Rechtfertigungsdruck für jede einzelne Stelle in den Redaktionen.

Wie jede Krise birgt auch die aktuelle Chancen für die Zukunft in sich. Diese wollen die einzelnen Blätter naturgemäß je nach ihrer Ausrichtung wahrnehmen. Für alle unverzichtbar scheint jedoch das unbedingte Festhalten an der Qualität der Inhalte sowie Strukturmaßnahmen, die es ermöglichen auch mit begrenzten Ressourcen die besten Geschichten abzuliefern. Auf das Werbegeschäft, das derzeit mehr und mehr wegbricht, können und wollen die Zeitungen auch künftig nicht verzichten. "Jeder Anzeigenkunde ist grundsätzlich wichtig und toll. Allerdings entsteht ein Problem, wenn er eine Platzierung bekommt, die das journalistische Produkt in den Hintergrund drängt", warnt Herbst. Die Saarbrücker Zeitung werde ihre Mitarbeiter künftig noch genauer aussuchen und sicherstellen, dass Leute beschäftigt sind, die besonders gute Storys liefern. "Damit die Menschen auch weiterhin die Zeitung lesen, denn immerhin zahlen sie auch viel Geld dafür. Wir müssen beweisen, dass wir das Geld wert sind. Die Zeitung wird teurer", so Herbst weiter.

In der Schweiz drehen sich die Zukunftsperspektiven offenbar vor allem um die Frage nach dem Ende von Bezahlzeitungen. "Leute sind inzwischen gewöhnt, dass Nachrichten gratis sind. Wer ist in zehn Jahren noch bereit für eine Zeitung Geld auszugeben?", gibt Geering zu bedenken. Um die Qualität der Zeitung zu halten und die Erwartungshaltung der Leser zu erfüllen, hat sich die Basler Zeitung daher entschlossen ihren Seitenumfang zu reduzieren und sich auf ihre Kernbereiche zu beschränken. Die Vorarlberger Nachrichten wollen - anders als viele Wettbewerber - statt auf mehr Hintergrundthemen, ihren Fokus auf mehr Überblick legen und eine Vorselektion für den Leser treffen, sodass sich dieser in maximal 30 Minuten bestens informieren kann. "Hinzu kommt ein großes Potenzial in puncto Service. Der Tagesablauf der Menschen hat sich verändert, darauf müssen wir uns einstellen und serviceorientiert vorgehen", sagt Ortner. Auch das viele Jammern müsse irgendwann ein Ende haben.

Um ein Überleben der Zeitung als Printprodukt sicherzustellen, wollen die Chefredakteure in Zukunft auch stärker innerhalb der Verlagshäuser sowie mit benachbarten Redaktionen zusammenarbeiten. "Für den Leser zählt das Endprodukt. Eine Zeitung kann mehr erreichen, wenn die Stärken der einzelnen Titel wechselseitig ausgetauscht werden", glaubt Herbst. Wenngleich ein solches Vorgehen bisher nicht unbedingt üblich war, können sich die Zeitungsvertreter darauf verständigen, dass das Nutzen von Synergieeffekten künftig eine wichtige Rolle spielen wird und darin eine große Chance für die Branche besteht. In welcher Form die Zeitung in Zukunft erscheint - gedruckt oder digital - ist für die Chefredakteure zunächst einmal egal. Trotzdem hoffen alle auf das Überleben auf dem Papier. Sei es nun als Luxusprodukt einer wissbegierigen Elite oder als nützliches Überblicksmedium einer breiteren Leserschaft. (pte)

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