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Massendelikt Kinderpornographie

17.12.2000 | 22:00 Uhr |

Mit der Ausbreitung des Internets ist Kinderpornographie nach Meinung des BKA zu einem Massendelikt geworden. Bei Internet-Auswertungen musste das BKA, im Vergleich zum Vorjahr, fast eine Verdoppelung des Angebots feststellen.

Wenn der Kriminalhauptkommissar Holger Kind über Kinderpornografie im Internet berichtet, ist er von einer Zahl sichtlich berührt. Rund 840.000 Zugriffe auf eine einzige Homepage mit 60 kinderpornografischen Fotos zählte das Bundeskriminalamt (BKA) im Sommer dieses Jahres - an nur einem Tag.

Selbst wenn jeder einzelne Nutzer tatsächlich jedes der Fotos angeklickt hätte, dann hätten noch immer etwa 14.000 "Surfer" diese Seite besucht, rechnete der Beamte vom BKA auf einer Tagung am Donnerstagabend in Mainz vor. In "einschlägigen Internetzirkeln" sei zuvor massiv für diese Homepage geworben worden, die vom ahnungslosen Internetprovider daraufhin gesperrt wurde.

Die Kinderpornografie im Internet ist mit der enormen Expansion des World Wide Web seit Mitte der neunziger Jahre inzwischen zu einem "Massendelikt" geworden, so Kind, der seit sechs Jahren kinderpornografische Medien auswertet. Im vergangenen Jahr hat das BKA rund 2.100 solcher Angebote im Internet entdeckt.

Eine eigens zur Verfolgung dieser Straftaten gegründete BKA-Abteilung hat im Vergleich zu 1998 rund 1000 dieser Homepages zusätzlich aufgespürt. Eine zuverlässige Dunkelziffer solcher kriminellen Angebote gibt es nicht, jedoch ist diese bei weltweit mehreren hundert Millionen Internetseiten vermutlich sehr hoch.

In dieser vermeintlichen Anonymität des weltumspannenden Netzes wähnen sich Anbieter und Kunden in Sicherheit. Zahlreiche vom Ausland eingespeiste Angebote erschweren den deutschen Behörden die Strafverfolgung. Nach Erkenntnissen des BKA stammen knapp 15 Prozent der an deutsche Konsumenten gerichteten Angebote auch tatsächlich aus der Bundesrepublik. Fast die Hälfte der vom BKA im vergangenen Jahr ermittelten Homepages würden dagegen über amerikanische Provider angeboten, obwohl auch in den USA Kinderpornografie strafbar sei.

Die Verfolgung der Täter in den USA wird von den deutschen Beamten mit Hinweisen auf entsprechende Angebote unterstützt und ist zudem problemlos, betont Kind. Jedoch ist die eigenständige Ermittlung von deutschen Behörden durch Rechtshilfeersuchen weiterhin sehr bürokratisch und aufwändig. Das beklagt auch der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP).

Vernehmungen von Opfern und Zeugen im Ausland müssten auf diplomatischem Weg angefordert und übermittelt werden. Mit einigen Staaten in Latein- oder Südamerika gibt es bislang noch überhaupt keine Verträge über die Rechtshilfe bei Straftaten, so dass Ermittlungen in diesen Ländern nahezu unmöglich sind.

Die Fotos missbrauchter Kinder werden von den Kunden nach Erkenntnissen des BKA in der Regel zu mehreren tausend "gesammelt". "Dateien mit bis zu 70.000 Bildern sind keine Seltenheit", meinte Kind. In speziellen Internetgemeinden werden die Aufnahmen wie Briefmarken zumeist kostenlos untereinander getauscht.

Nur selten sind die Anbieter organisiert und verfolgen mit dem Handel kommerzielle Interessen. Zudem fehlt den Tätern oftmals jegliches Schuldbewusstsein. Zahlreiche der rund 1.900 im vergangenen Jahr wegen Besitzes oder Verbreitung von Fotos gefassten Täter, von denen mehr als 96 Prozent Männer seien, haben Neugier als Motiv angegeben. (PC-WELT, 17.12.2000, dpa/ mp)

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