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Marktwirtschaft kontra Wikipedia & Co. - Wie geht es weiter?

20.12.2005 | 14:19 Uhr |

Die Welt ändert sich rasant: Kindern muss erklärt werden, dass nicht jede Kamera über ein Display verfügt und man die Schnappschüsse entwickeln lassen muss ("entwickeln?!?") und Informationsangebote wie Wikipedia bringen Anbieter von Standard-Lexika wie den Brockhaus langsam in Bedrängnis. Wir wollen der Frage nachgehen, ob sich Marktwirtschaft und freie Angebote nicht irgendwann derart in die Quere kommen, dass es auch für Anwender spürbar wird, die sich dafür überhaupt nicht interessieren - beispielsweise indem sie ihren Job verlieren.

Der Grundgedanke freier Angebote ist natürlich begrüßenswert. Das Beispiel Wikipedia zeigt, zu was die weltweite Nutzergemeinde fähig ist und dass kostenlos nicht gleichbedeutend mit qualitativ minderwertig sein muss. Doch was ist die Folge, wenn sich ein solches Projekt durchsetzt und von der Mehrheit der Anwender als hauptsächliche Informationsquelle genutzt wird? Das eingangs erwähnte Beispiel mit dem rasanten Wechsel von analogen zu digitalen Kameras zeigt, wie schnell sich Gewohnheiten und Lebensumstände ändern können. Gestern noch wurden Begriffe im Brockhaus nachgeschlagen - der zudem noch ein echtes Prestigeobjekt darstellte (Ledereinband, zig Bände...) - und heute wird das Internet angeschmissen und mal eben bei Wikipedia geguckt.

Welche wirtschaftlichen Folgen derartige Verhaltensänderungen haben, bleibt abzuwarten. Möglich ist beispielsweise, dass mittelfristig klassische Lexika wie der Brockhaus oder die Encyclopaedia Britannica vom Markt verschwinden, da niemand mehr ein teures Lexikon kaufen wird, wenn es äquivalente Infos im Netz kostenlos gibt.

Doch sind diese Infos wirklich kostenlos? Wenn man ehrlich ist, eigentlich nicht, denn auch "freie" Projekte wie Wikipedia versuchen an Geld zu kommen, um ihren Betrieb und Fortbestand zu sichern. Dies geschieht jedoch nicht offen, beispielsweise über einen monatlichen Mitgliederbetrag, sondern über Spendenaufrufe, die alle paar Monate gestartet werden. Und an den Autoren der Artikel wird obendrein noch verdient, sobald die gedruckten Ausgaben der Wikipedia zu bestimmten Themengebieten, die in den kommenden Wochen an den Start gehen werden, erhältlich sind. Auf diese Weise wird Geld mit Inhalten verdient, die die Anwender kostenlos in ihrer Freizeit erstellt haben. Natürlich tragen die Erlöse zu dem Erhalt der Wikipedia bei, aber irgendwie bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Diese Beispiele lassen sich auch auf andere Bereiche anwenden, in denen freie Programme mit kommerziellen Angeboten konkurrieren. Wie wäre es mit Firefox? Viele der Entwickler arbeiten in ihrer Freizeit an dem Browser oder werden von ihrem Arbeitgeber zu diesem Zweck freigestellt. Salopp gesagt: Firefox kann niemanden ernähren, dafür sind dann die von so manchem verteufelten kommerziellen Unternehmen wieder gut genug.

Es geht hier nicht darum, freie Software in Frage zu stellen, denn die ist auf jeden Fall nötig, alleine schon deswegen, um Alternativen zu haben. Aber kann/können freie Software/Projekte ohne kommerzielle Anbieter funktionieren? Wahrscheinlich nicht, denn die Anwender, die sich in ihrer Freizeit für freie Projekte engagieren, müssen nun mal arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Würde man den Gedanken "Alles ist frei" (je nach Begeisterungsgrad auch "Alles muss frei sein") weiterspinnen, käme nichts erstrebenswertes zutage. Denn von Luft und Liebe kann man nicht leben, irgendwoher muss nun mal das Geld kommen, damit man ein Dach über dem Kopf und was zum Kauen zwischen den Zähnen hat. Ein kompletter Umstieg auf freie Software würde nicht nur die Marktwirtschaft im Kern treffen, sondern höchstwahrscheinlich auch die Lebensumstände eines jeden derart treffen, wie er es nicht für möglich halten würde.

Die Mischung macht's. Extreme in die eine oder andere Richtung (auch Unternehmen sind keine Samariter) sind schädlich, aber eine gut funktionierende Symbiose zwischen beiden Richtungen dürfte allen Anwendern nutzen. Vielleicht sollte sich dies der eine oder andere hinter die Löffel schreiben, bevor gegen Unternehmen gewettert und freie Software als einzig wahre Alternative propagiert wird. Denn das eine ohne das andere wird mutmaßlich kaum funktionieren.

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