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Linux-Kernel auf Palm Treo: Zauberei oder Gesellenstück?

04.04.2006 | 17:15 Uhr |

Der findige Linux-Fan Matthew Mastracci hat es als erste Privatperson geschafft, einen funktionalen Linux-Kernel auf Palms Treo 650 zum Laufen zu bekommen. Der Volkssport, das freie Betriebssystem auch auf exotische Hardware-Plattformen zu portieren, erhält damit einen neuen Ableger: zuletzt waren es prominente Spielekonsolen wie Microsofts XBox, Sonys PS2 oder der Game-Handheld PSP, die mit den Kunstgriffen zweckentfremdet wurden. Ob der Aufwand auch einen praktischen Nutzen nach sich zieht, darf man zunächst bezweifeln. Auch wenn viel Wissen und Kenntnisse von den Systeminterna und der Zielplattform vonnöten sind, um die entsprechenden Treiber für Displays, Keyboards, Mainboards und Prozessoren überhaupt zu kompilieren, sind reale Anwendungen für die Hacks kaum vorhanden.




Was ist Mastracci mit seiner Portierung nun gelungen ? Bislang läuft ein Linux-Kernel unter einem Minix-Filesystem inklusive einkompiliertem Bluetooth-Support auf dem Treo an und vermisst auf dem Gerät zunächst vor allem Treiber für die Tastatur, das LCD-Display und den SDIO-Slot. Dennoch hat Mastracci es geschafft, eine Shell (die Kommandozeile und das Herzstück jedes UNIX-ähnlichen Betriebssystems) zu aktivieren und damit ein im wesentlichen lauffähiges und benutzbares System zu erhalten. Ab diesem Punkt wird es für eine einzelne Person schwer, weitere Tools und die vielen zahnradartig zusammenarbeitenden Programme zu portieren, um weiteren Nutzen aus dem System zu ziehen.

Für europäische Versionen des Treo 650, die mit einem GSM-Chip ausgerüstet sind, stellt der Entwickler in Aussicht, dass sich über das Linux-System auch die Telefonfunktionen des Smartphones ansprechen lassen. Da der Mobilfunkchip über ein Bussystem direkt mit dem Prozessor verdrahtet ist, lassen sich die zur Initiierung eines Telefonats relevanten AT-Befehle direkt absetzen. Etwas zurückhaltender äußert sich Mastracci über die Kommunikation mit den amerikanischen CDMA-Mobilfunknetzen - es wäre aber theoretisch denkbar, dass ein und dasselbe Tool beide Netzarten ansprechen könne.

Beim Aufspielen des Linux-Systems auf den Treo 650 wird im übrigen nicht das bestehende PalmOS beeinträchtigt. Lediglich der Bootloader würde temporär mit einem Linux-Bootsystem überschrieben, was sich aber leicht rückgängig machen lässt. Alle IO-Operationen werden über den SD-Speicher abgewickelt, der permanente Telefonspeicher bleibt von der Installation völlig unberührt.

PalmSource dürfte bei seinen Bemühungen, das von China MobileSoft akquirierte Linux-System für Embedded Systeme mittlerweile deutlich weiter sein als Mastracci. Doch in der Hall of Fame unter allen Hackern, die Linux auf die unendlichen Weiten bis dato unbekannter Plattform portierten, hat Mastracci seinen Platz gesichert: Er brachte Linux dorthin, wo (offiziell) noch nie zuvor eines gewesen war.

Mehr Informationen
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