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Redaktionen werden kaputt gespart

06.09.2009 | 14:17 Uhr |

Die Ergebnisse des neuesten Medien-Trendmonitors lassen aufhorchen. Für die Studie wurden rund 2.100 Journalisten aus Deutschland zu aktuellen Entwicklungen in der Medienbranche befragt.

War in den Umfragen der letzten Jahre vor allem der Trend ins Internet ein Hauptthema, beschäftigt sich der Trendmonitor dieses Jahr insbesondere mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die schreibende Zunft. 75 Prozent der befragten Journalisten aus den verschiedensten Bereichen gaben an, dass sich durch die Wirtschaftskrise ihr Arbeitsdruck erhöht habe. Dies hat auch Auswirkungen auf die Qualität der Berichterstattung. 44 Prozent der Befragten erklärten, dass sie durch die Krise weniger Zeit für eigene Recherche hätten und dadurch vermehrt auf PR- und Pressetexte zurückgreifen müssen. "Man kann sagen, dass Redaktionen kaputt gespart werden. Das war auch vor der Krise schon so, mit dem Hintergrund schrumpfender Werbeeinnahmen verstärkt sich dieser Effekt jetzt aber. Manche Redaktionen können den Betrieb nur mehr mit Mühe aufrecht erhalten", sagt Hendrik Zörner, Sprecher des deutschen Journalistenverbands , im pressetext-Gespräch.

Unter dem Druck, der derzeit auf den Journalisten lastet leidet nicht zuletzt auch das journalistische Selbstverständnis. Nur knapp 16 Prozent der Befragten gaben an, sich nicht vorstellen zu können, "die Seiten zu wechseln", also in der PR-Branche Fuß zu fassen. Rund ein Viertel würde dies sogar gerne tun. 46 Prozent der Befragten gaben an, sie könnten sich einen Wechsel vorstellen. "Das ist vielleicht auch ein wenig auf falsche Erwartungen zurückzuführen. Tatsächlich steht man beispielsweise in PR-Agenturen unter enormem Stress und Leistungsdruck bei vergleichsweise schlechter Bezahlung. In Unternehmenspressestellen ist ebenfalls ein gewisser Leistungsdruck gegeben, die Bezahlung aber dafür besser als im klassischen Journalismus. Geregelte Arbeitszeiten findet man am ehesten bei öffentlichen Pressestellen, wo die Bezahlung aber eher schlecht ist", weiß Zörner.

Neben den Auswirkungen der Wirtschaftskrise wurden die Teilnehmer der Umfrage auch zum Thema Online-Erlöspotenzial befragt. Fast die Hälfte der Befragten gab diesbezüglich an, dass sie nicht damit rechnen, dass sich die Internetangebote der Verlage in absehbarer Zeit selbst finanzieren können. Ein Drittel hält es immerhin für "eventuell möglich." Dabei muss allerdings zwischen Journalisten verschiedener Sparten unterschieden werden. Während unter Online-Journalisten fast jeder fünfte an die finanzielle Unabhängigkeit der Web-Angebote glaubt, sind dies etwa bei Nachrichtenagenturen nur mehr vier Prozent. "Online-Medien bräuchten eine andere wirtschaftliche Grundlage. Derzeit sind sie großteils werbefinanziert, dies ist jedoch nur bei ganz wenigen Medien, etwa dem Spiegel, kostendeckend", so der Fachmann. Zusätzlich steige auch die Zahl der Online-Medien relativ rasch, während das Volumen des Werbemarkts nur langsam wächst. "Der Kuchen wächst zwar langsam, die Zahl derer, die daran mitnaschen möchten, wächst jedoch viel schneller", sagt Zörner. Die Zukunftsträchtigkeit der Werbefinanzierung sei jedenfalls zu bezweifeln.

Relativ einig sind sich die Teilnehmer der Studie darin, dass die Web-Auftritte weiter ausgebaut werden müssen. Besonders ein Boom bei Bewegtbildern dürfte sich abzeichnen. 56,7 Prozent der Befragten glauben, dass Videos zunehmend an Bedeutung gewinnen und auch Audio-Webcasts boomen. "Cross-Media-Kompetenz wird zunehmend wichtiger", sagt der Journalistenverband-Sprecher. Es sei heute notwendig, dass eine stärkere Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen journalistischen Feldern entsteht. "Im Idealfall sollte ein Journalist von der Tageszeitung zum Radio und dann weiter zu Online wechseln können", so Zörner. Dafür sei es schon bei der Ausbildung der Journalisten wichtig, auf verschiedene Zugänge zu setzen. Trotzdem dürfe der Journalist im Alltag nicht zur eierlegenden Wollmilchsau werden. "Wenn ein Journalist alle verschiedenen Sparten beliefert, bedeutet das auch einen gewissen Mehraufwand. Dadurch entsteht die Gefahr, dass die journalistische Sorgfalt dem Zeitdruck zum Opfer fällt", sagt der Fachmann abschließend. (pte)

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