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Krank: Gewaltattacken werden per Handy gefilmt und per Internet verbreitet

Es kann jeden treffen: Gewaltbereite Jugendliche überfallen Mitschüler, Passanten oder andere Personen, schlagen diese und filmen das Ganze per Kamera-Handy. Die Videos werden dann per Internet verbreitet. "Happy slapping" (fröhliches Schlagen) nennen sich die feigen Überfälle aus England und auch in Deutschland gibt es erste Fälle. Doch mit Spaß hat die Sache nichts mehr zu tun, es gab bereits Todesfälle.

"Happy Slapping", fröhliches Schlagen, nennen es die Engländer. Doch mit Spaß haben die brutalen Überfälle, die mit dem Handy gefilmt werden, nichts zu tun. Einer der spektakulärsten Fälle endete sogar tödlich. Eine 14-Jährige traktierte den Kopf ihres am Boden liegenden Opfers mit ihren schweren Stiefeln, dazu schaltete sie ihr Video-Handy ein: "Wir machen einen Dokumentarfilm, also bitteschön in die Kamera schauen", sagte sie zu David Morley. Zusammen mit drei Freunden hatte sie den Mann angegriffen, als er ahnungslos auf einer Parkbank im Londoner Stadtteil Lambeth saß.

Der 37-jährige Bar-Manager starb an seinen Verletzungen. Nach ihrer Tat schauten sich die Jugendlichen den Video-Clip zu Hause an und wollten ihn dann im Internet veröffentlichen. Zwei von ihnen wurden wegen Totschlags verurteilt.

Inzwischen streifen immer mehr Schlägerbanden durch die Großstädte. Auch in Deutschland gab es bereits Fälle von gefilmten Misshandlungen von Schülern, doch gingen die Täter weniger brutal vor. In London untersuchte die Polizei im vergangenen Jahr mehrere hundert Fälle, darunter einige mit Todesfolge. Die Gewaltattacken, dokumentiert mit Handy-Kamera, lösten in ganz Großbritannien Erschütterung aus.

Es begann an Schulen. Gewalttätige Halbstarke verprügelten Schwächere, filmten das Ganze mit Handy-Kameras und verschickten die Video-Clips an ihre Freunde oder stellten sie ins Internet. "Dem tätlichen Angriff folgt mit dem Filmen die totale Demütigung", beschreibt Liz Carnell von Bullying Online, einer Organisation, die betroffenen Schülern hilft, die Auswirkungen eines solchen Angriffs auf die Psyche des Opfers. Mehr noch: "Das Filmen ist oft der einzige Grund für einen Angriff und für das Zufügen von Schmerzen", weiß Paul Fawcett von Victim Support, einer Einrichtung, die Opfern hilft.

Manchmal gerät die Gewalt außer Kontrolle. Im Sommer vergangenen Jahres wurde auf einem Schulhof ein Teenager gefilmt, der nach einem brutalen Angriff im Sterben lag. Die Bilder wurden blitzschnell verbreitet, und als Höhepunkt des makabren Spektakels schickte jemand sie sogar auf das Handy des Vaters. Ein 18-Jähriger wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als schnelle Antwort auf die Gewalt laufen Polizisten in der Gegend um einige Schulen im Londoner Stadtteil Hammersmith nun vermehrt Streife. Eltern und Lehrer fordern außerdem, den Gebrauch von Handys in Schulen technisch zu blockieren.

Doch die gewaltbereiten Jugendbanden haben sich längst neue Opfer gesucht. Sie schlagen auf ahnungslose Passanten in Parks ein, denn hier gibt es keine Überwachungskameras, und sie können nach ihrer Tat leicht flüchten. Die "Auswahlkriterien" für seine Opfer beschrieb ein 16-Jähriger in einem Fernsehinterview: "Du siehst jemanden rumsitzen, und der sieht irgendwie bescheuert aus. Also rennst du einfach hin, schlägst ihn und rennst wieder weg. Das macht Spaß." Ob Jugendliche oder Erwachsene, es kann jeden treffen, und das überall, warnt ein Sprecher einer Organisation, die Opfer von Gewalttaten betreut.

Die Experten sind sich uneinig darüber, was den Trend zum Filmen von Gewalttaten ausgelöst hat. Einige machen Fernseh-Shows dafür verantwortlich, die extreme Mutproben zeigen. Viele jugendliche Zuschauer wollten selbst "Szenen des Schmerzes und der Demütigung produzieren", erläuterte ein Medienexperte in einem Interview der britischen BBC. Andere Fachleute sprechen von Prahlerei. Früher hätten die Jugendlichen verbal mit ihren "Heldentaten" angegeben, jetzt sei es möglich, auch noch die Bilder dazu zu liefern.

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