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Kommentar: Google plant den großen Lauschangriff

19.05.2016 | 14:14 Uhr |

Die Wohnung ist die letzte Bastion, die uns vor dem Datenkraken Google schützt. Doch Google plant den Sturm auf diese letzte Verteidigungslinie – mit Google Home.

Das musste ja so kommen: Amazon hat mit Echo und Alexa vorgemacht, wie man die Menschen in ihren eigenen vier Wänden bespitzelt. Ganz legal, mit Zustimmung der Betroffenen. Nachdem Echo in den USA durchaus ein Erfolg zu sein scheint, stand fest, dass Google auf diesem Gebiet nachziehen würde. Mit Google Home, wie wir seit gestern wissen. Bereits eine Woche vorher hatte das Gerücht um den sprachgesteuerten Google-Heimassistenten, der immer ein offenes Ohr hat, die Runde gemacht - da hieß er noch Chirp.

Jetzt wissen wir aber genau, was Google Home alles kann: Er lauscht auf alles, was sich in der Reichweite seiner Mikrofone tut. Und verwertet das Gehörte mit Hilfe des von Android-Smartphones und -Tablets sowie Android Auto längst bekanntem Google Now. Google Home spielt Musik ab, startet auf dem Fernseher einen Film, schaut nach, wo das bestellte Paket bleibt, kauft im Internet ein, liest den Wetterbericht vor und beantwortet auch sonst Fragen aller Art – soweit die Antworten darauf in den Tiefen des Internets zu finden sind. Natürlich steuert Google Home auch das Smart Home, in dem man praktischerweise Heizungs-Thermostate, Rauchmelder und Überwachungskameras von dem zu Google gehörenden Nest installiert hat.

Google Home ist die perfekte Ergänzung für Googles allumfassendes Datensammeln. Dank Android und Google Play weiß Google bereits, wo wir uns wie lange aufhalten, welche Interessen wir haben und womit wir unsere Freizeit verbringen. Welche Musik wir gerne hören, welche Filme wir uns anschauen (nicht nur dank Google Play Video, sondern natürlich auch wegen Youtube), welche Bücher wir gerne lesen, welche Nachrichten uns interessieren, wo wir gerne was essen und so weiter.

Dazu kommen noch unsere Eingaben aus der Google Suche auf dem PC (nach welchen Krankheiten, sexuellen Vorlieben und welchen Versicherungstarifen haben wir zuletzt gegoogelt?), die Inhalte unserer Google-Mails, unsere Recherchen auf Google Maps, unsere Dateien auf Google Drive, unsere Kalendereinträge auf Google Kalender. Ach ja, Google Texte und Tabellen nutzen wir ja auch noch. Und mit Android-basierten Smartwatches kennt Google auch noch unsere Pulszahl und weiß, wie viel wir uns bewegen. Android Auto und irgendwann auch das selbstfahrende Google Auto lassen dann noch unsere Aktivitäten und unser Verhalten als Verkehrsteilnehmer in die Profil-Datenbanken von Google einfließen.

Nur in der Wohnung konnten wir uns noch einen Rest von Privatsphäre wahren – sofern Google Now nicht eingeschaltet ist und wir auch sonst keine Google-Angebote wie Chromecast oder Chromebooks nutzen. Doch diese letzte Bastion der Privatsphäre dürfte in den USA, wo man Datenschutzaspekte nicht so ernst nimmt wie in Deutschland, bald fallen. Und irgendwann schwappt Google Now – und vermutlich auch Amazon Echo – dann auch zu uns über den Atlantik.

Ob Google Home, Amazon Echo, aber auch Apple Siri, Google Now und Microsoft Cortana – alle diese Lösungen bieten unbestritten viel Komfort im Alltag. Und erleichtern zunächst einmal unser Leben, machen vielleicht sogar einfach nur Spaß. Doch für diesen Komfort bezahlen wir einen hohen Preis: unsere Daten. Datenschutz und Privatsphäre bleiben auf der Strecke , wenn man sich für etwas mehr Bequemlichkeit freiwillig den ganzen Tag über belauschen lässt – ob im Auto, am Arbeitsplatz (wenn das iPhone mit Hey Siri oder der Androide mit Ok Google oder der Windows-10-PC mit Hey Cortana lauschen) oder in der Wohnung. Gerade in der Wohnung, die durch unser Grundgesetz, Artikel 13, unter einen besonders hohen Schutz gestellt ist. Menschen, in deren Wohnung eingebrochen wurde, berichten, dass sie dadurch zutiefst in ihrem Sicherheitsgefühl gestört sind. Die Wohnung ist etwas Heiliges, da darf niemand unerlaubt rein. Doch Google und Amazon sollen wir einfach so reinlassen?

Neben Google und dessen Vermarktungsstrategen freuen sich noch zwei Personengruppen über dieses umfassende Datensammeln. Hacker, wenn es ihnen gelingt, die von Google so praktisch in einer Datenbank zusammengestellten Daten zu stehlen. Und natürlich Sicherheitsbehörden, wenn sie per Gerichtsbeschluss an das komplette Profil einer bei Google erfassten Person kommen. Wozu es führen kann, wenn gesammelte Daten gegen einen verwendet werden, erlebte vor einiger Zeit ein Autofahrer, als er sich mit seiner Werkstatt um die Übernahme von Reparaturkosten stritt. Damals "sagten" die im Auto gespeicherten Daten gegen den Autofahrer aus. Ähnliches ist auch mit Daten möglich, die von Google über uns gesammelt werden.

Wie stehen Sie zu Google Home? Sind Sie bereit für mehr Komfort Google in der Wohnung mithören zu lassen? Oder bleibt Google draußen vor der Tür?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung unter diese Meldung!


   

   

 



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