124334

Kommentar: Ein Amoklauf und die üblichen Killerspiel-Reaktionen

21.11.2006 | 11:02 Uhr |

Nach dem - in aller Form verurteilungs- und verabscheuungswürdigen - Amoklauf in einer Schule in Nordrhein-Westfalen folgen nun erneut die üblichen Reflexe von Politikern - Verbot von "Killerspielen". Ob ein solches Verbot den Amokläufer von seiner Tat abgebracht hätte, wage ich aber zu bezweifeln.

Der gestrige "Brennpunkt" bewies erneut, wie Spielefans von Menschen, die von der Materie nicht den blassesten Schimmer haben, eingeordnet werden. In der Sendung leitete der Moderator ein Interview mit einem Psychologen sinngemäß wie folgt ein (aus meiner Erinnerung): "Der Täter war ja bekannt dafür, ein Einzelgänger, Waffennarr und Computerspieler zu sein". Im weiteren Verlauf wurden Videos von "Killerspielen" (ich glaube, es war Quake) eingeblendet.

Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, was heute folgen würde: Die üblichen Beißreflexe unserer Politiker. So fordert CDU-Mann Wolfgang Bosbach laut eines Berichts der Netzeitung : "Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass der 18-jährige Täter sich über einen längeren Zeitraum und intensiv mit so genannten Killerspielen beschäftigt hat, müsste der Gesetzgeber nun endlich handeln". Sekundiert wird Bosbach von dem brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm (CDU): Seiner Ansicht nach müsse "konsequent gegen Spiele vorgegangen werden, die Gewalt verherrlichen", so der Politiker gegenüber der Netzeitung.

Einzig von den Grünen kommt eine Reaktion, die der Problematik eher gerecht wird. So erklärte Volker Beck gegenüber der Netzeitung: "Wenn die Informationen zutreffen, dass der Täter gesellschaftlich isoliert war und seine Zeit hauptsächlich mit dem Spielen von Killerspielen verbracht hat, dann muss jetzt verstärkt eine Debatte um Förderung von Medienkompetenz und eine sinnvolle Computernutzung geführt werden. Hier reicht die einfältige Forderung der Großen Koalition nach einem Verbot von Killerspielen sicher nicht aus, zumal Verbotenes für Jugendliche bekanntlich umso reizvoller ist."

Dazwischen tummeln sich noch Vertreter von Lehrerverbänden und weitere "Experten", die offensichtlich allen Ernstes der Ansicht sind, dass ein Verbot derartiger Inhalte künftig dafür sorgen wird, dass derartige Amokläufe nicht mehr geschehen.

Um eines klar zu stellen: Mein Mitgefühl gilt selbstverständlich allen Betroffenen dieser Tragödie! Doch wie immer wird als Ursache in erster Linie ein Punkt hervorgehoben: Er war Computerspieler - wie Millionen anderer Kinder, Jugendliche und Erwachsene auch.

Im gestrigen Brennpunkt waren auch Privatvideos des Amokläufers zu sehen, wie er selbst gebastelte Bomben zündete und mit Waffen hantierte. Niemand fragt nun aber, wie er a, an Waffen kam und b, woher er die Kenntnisse für die Herstellung von Sprengstoff hatte. Alles reduziert sich momentan auf eines: Killerspiele - beziehungsweise das Verbot selbiger.

Nach dem Amoklauf von Erfurt, der PC-Spiele erst in das Blickfeld unserer Volksvertreter gebracht hat, hat niemand das Verbot von Schützenvereinen gefordert. Warum eigentlich nicht? Dort lernen Menschen immerhin den Umgang mit echten Waffen. Aber: Schützenvereine sind in unserer Tradition verankert - Computerspieler nicht.

Ich bin kein Psychologe und will mir auch nicht anmaßen, über die Gründe für den aktuellen Amoklauf zu spekulieren, aber mit Sicherheit dürfte bei diesem jungen Mann einiges schief gelaufen sein und das seit Jahren. Wenn nun ehemalige Lehrer des Mannes im Fernsehen erklären, dieser habe kaum beziehungsweise nie gesprochen und sei sehr verschlossen gewesen, frage ich mich: Warum haben Sie nichts getan? Aber hinterher die Schuld bei Ballerspielen zu suchen, ist sicherlich bequemer, keine Frage...

Dass Menschen mit einer aggressiven Tendenz, auch aggressive Inhalte bevorzugen (Film, Musik, Spiele), ist nichts Neues. Immer wieder wird bei solchen Tragödien aber aus meiner Sicht der Fehler gemacht, die Symptome zu bekämpfen und nicht deren Ursache.

Festzuhalten bleibt: Wir haben in Deutschland eines der schärfsten Jugendschutzgesetze und die USK macht ihre Arbeit gut, auch wenn sich über den ein oder anderen Fall sicherlich streiten lässt. Extrem gewaltverherrlichende Titel erhalten keine Freigabe und können indiziert werden, was aus meiner Sicht bei einigen Machwerken auch Sinn macht. Aber: Jeder Erwachsene soll das Recht haben, Spiele, die für sein Alter bestimmt sind, auch kaufen zu dürfen, ohne an der Kasse schief angesehen oder als potenzieller Amokläufer verunglimpft zu werden. Wer in seiner Freizeit gerne mal ein Ballerspiel zockt (wie auch ich), sollte dies genauso tun dürfen, wie derjenige, der sich einen Porno oder Horrorfilm ansieht.

Was wir benötigen, um derartige Vorfälle möglicherweise zu verhindern, sind Eltern und(!) Lehrer, die hinsehen anstatt weg zu sehen. Die darauf achten, was ihre Kinder am PC oder der Konsole spielen und eingreifen, wenn Inhalte ins Spiel kommen, die nicht für das jeweilige Kind/Jugendlichen freigegeben sind. Verbote nutzen in Zeiten von Tauschbörsen und Import-Händlern nur wenig. Medienkompetenz heißt das Zauberwort. Und diese müssen Eltern ihren Kindern vermitteln - so unbequem es auch sein mag.

Was meinen Sie zu diesem Thema? Posten Sie Ihre Meinung in unser Forum.

0 Kommentare zu diesem Artikel
124334