101866

Kommentar: Die Musikindustrie und der Blues

21.03.2006 | 15:27 Uhr |

Die Absatzzahlen der Musikindustrie für das Jahr 2005 liegen vor. Erneut ging der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr zurück und erneut stehen die Schuldigen fest - die "CD-Brenner". Muss ich jetzt in den Knast?

Ich gebe es zu: Ich brenne Musik-CDs. Und ehe mir jemand einen Anwalt auf den Hals hetzt: Ich brenne vollkommen legal. Wie? Ganz einfach: Meine CD-Sammlung ist teilweise schon antiquarisch. Aus Zeiten also, in denen das Wort Kopierschutz noch völlig unbekannt war. Und derartige Werke - CDs ohne Kopierschutz - darf ich auch heutzutage noch brennen. Soviel dazu.

Die deutschen Phonoverbände haben die Geschäftszahlen des Jahres 2005 veröffentlicht . Demnach sank der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 4,6 Prozent auf 1500 Millionen Euro. Der Musikverkauf per Internet boomt hingegen, im Vergleich zum Vorjahr wurden mit 26 Millionen Downloads rund doppelt so viele Titel online verkauft. So viel zum Hintergrund. Der eigentliche Aufreger ist - wie jedes Jahr - die Begründung des Umsatzrückgangs. Denn wieder einmal werden "Raubkopierer" als alleinig Verantwortliche für das miese Geschäft genannt. Und das wird mit folgenden Zahlen versucht zu belegen:

So wurden laut IFPI 439 Millionen "CD-Einheiten" mit Musik bespielt, was Umsatzausfälle von 6320 Millionen Euro zur Folge habe. Was sind nun "CD-Einheiten"? Ganz einfach: 275 Millionen CD-Rohlinge wurden 2005 mit Musik bespielt. Dazu kommen noch 21 Millionen DVD-Rohlinge. Macht 291 Millionen Medien. Aber nicht für den Verband. Denn da DVD-Rohlinge eine höhere Kapazität haben, passt auch mehr Musik drauf, ergo entsprechen 21 Millionen DVD-Rohlinge 164 Millionen CD-Rs. Denn DVD-Rohlinge haben die 7,8fache Kapazität einer CD-R. Wie dieser Wert zustande kommt, ist nicht bekannt. Bekannt sind aber die Standardgrößen der Medien. CD-R =800 MB, DVD-R = 4,7 GB und DVD-R (DL) =8,5 GB. Demnach ergibt sich im Vergleich zur DVD-R eine rund 5,9fach höhere Kapazität und im Vergleich zur DVD-R (DL) eine 10,6fach höhere Kapazität. Wahrscheinlich wurden die beiden Werte gemischt, um auf 7,8 zu kommen. Dennoch ist anzunehmen, dass der Großteil der Anwender normale DVD-Rs nutzt, um Musik aufzuzeichnen. Demnach würden sich "nur" 126 Millionen zusätzliche "CD-Einheiten" ergeben, was wiederum in der Summe 401 Millionen "CD-Einheiten" machen würde. Diesem Rechenbeispiel folgend, wäre die Zahl der bespielten Medien im Vergleich zum Vorjahr sogar zurückgegangen (damals waren es 404 Millionen "CD-Einheiten"). Statistiken sind doch was schönes...

Damit kommen wir zum zweiten Punkt: Die vom Verband genannten 439 Millionen "CD-Einheiten" entsprechen einem Umsatzausfall von 6320 Millionen Euro, also 14,40 Euro pro "CD-Einheit". Damit setzt die Industrie den Wert einer gebrannten CD höher an, als die CDs im Laden kosten.

Was mich in Zusammenhang mit diesen Zahlen regelmäßig auf die Palme treibt: Die genannten Zahlen der Industrie beweisen im Grunde nichts. Was brennen die Anwender denn nun wirklich? Brennen sie sich eine Musik-CD für das Auto (um Diebstahl vorzubeugen)? Brennen sie eine CD als Sicherungskopie (kleine Kinder oder Haustiere im Haushalt)? Oder brennen sie ausschließlich die neuesten Musik-CDs von ihren Arbeitskollegen/Freunden? Man weiß es nicht. Zudem ist das Brennen an sich nicht verboten. Legal aufgenommene Titel aus dem Internet-Radio oder Analogaufnahmen sind nach wie vor erlaubt. Fließen diese Aufnahmen auch als "CD-Einheit" in die Statistik ein? Und schließlich ist es auch erlaubt, Musik-CDs zu kopieren, wenn diese über keinen Kopierschutz verfügen (alte CDs zum Beispiel).

"Die Raubkopierer sind schuld", ist zu einfach gegriffen. Keine Frage: Professionelle Kopierer gehören verfolgt und müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Und auch das illegale Herunterladen von Musik per P2P ist nicht in Ordnung. Aber laut IFPI ist die Privatkopie für 89 Prozent der ominösen 6,3 Milliarden Euro Umsatzausfall verantwortlich (Internetpiraterie 8 Prozent und traditionelle Piraterie 1 Prozent). Und da wird die Marschrichtung klar: Die Privatkopie soll verteufelt und wohl schließlich abgeschafft werden. Denn da steckt ja noch richtig Geld drin - sagt die Industrie verklausuliert. Dass aber nicht jede "Kopie" erstens illegal ist und zweitens auch gekauft worden wäre, wollen die Verantwortlichen offensichtlich nicht wahrnehmen. Ich für meinen Teil kann mit der derzeitigen Musik nicht allzu viel anfangen. Alles hört sich gleich an (mit ein paar wenigen Ausnahmen, deren CDs ich auch kaufe), Innovatives sucht man vergebens und meine Sammlung stellt im Grunde das dar, was ich gerne höre. Darum kaufe ich heutzutage wesentlich weniger Musik, als noch vor einigen Jahren. Dazu kommt, dass mein Budget beschränkt ist und neue Angebote wie DVD, Internet, Konsolen, PC und andere Spielereien Geld kosten und es diese Dinge noch bis vor einigen Jahren nicht in der Vielfalt gab. Kurz gesagt: Immer mehr Medien konkurrieren um einen gleich bleibenden Betrag, der ausgegeben werden kann. Und da Musik mir persönlich momentan zu uninspiriert ist, investiere ich das Geld lieber in andere Dinge und höre lieber meine alten CDs im Wohnzimmer. Und für's Auto kopiere ich meine CDs (sofern ich dies darf) und würde nicht im Traum daran denken, mir für jede Örtlichkeit und Eventualität eine neue CD zu kaufen. Sollte dies irgendwann mal der Fall sein müssen, kaufe ich halt gar keine neuen CDs mehr, sondern singe oder pfeife selber.

0 Kommentare zu diesem Artikel
101866