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Knifflige Wahl online üben

29.12.2000 | 12:18 Uhr |

Lernen die deutschen Politiker aus dem Wahldebakel in den USA? Anscheinend ja - denn in Hessen steht in wenigen Wochen eine komplizierte Wahl an, in der jeder Wähler bis zu 93 Stimmen zu verteilen hat. Da dürfen die Wähler dann "kumulieren" und "panaschieren". Und wer nicht genau weiß, wie das funktioniert, der kann es wenigstens schon mal im Internet üben und nimmt so gleichzeitig auch an einem Gewinnspiel teil. Vorläufiges Ergebnis der Testwahl: Das Komik-Duo "Mundstuhl" darf mitregieren und Felix Magath belegt einen Platz ganz vorne.

Die nächste Kommunalwahl wird für viele Hessen vermutlich zu einer besonderen Herausforderung. Statt wie bisher einen kleinen Stimmzettel auszufüllen, müssen die Wähler am 18. März 2001 ihr Haupt über einen Papierbogen beugen, der in einigen hessischen Städten und Gemeinden die Ausmaße eines Badetuchs erreichen wird.

Schuld ist das neue Kommunalwahlrecht. Die Wähler können nicht mehr nur Parteilisten ankreuzen, sondern auch bis zu drei Stimmen auf einen Kandidaten anhäufen (kumulieren) oder die Stimmen auf Bewerber verschiedener Parteien verteilen (panaschieren). Jeder hat dabei so viele Stimmen, wie es Sitze im Kommunalparlament gibt - in Frankfurt beispielsweise 93, in Wiesbaden und Darmstadt 81 und 71.

Damit die Bürger am Wahltag nicht ratlos in den eigens vergrößerten Kabinen stehen, setzt die Stadt Frankfurt auf eine in Hessen bislang einzigartige Kampagne. Unter der Internetadresse www.leute-waehlen-leute.de kann das neue Wahlrecht an Prominenten "erprobt" werden. Von Robert Treutel alias Bodo Bach über den Eintracht-Trainer Felix Magath bis zur Moderatorin Minou von "planet Radio" haben sich 20 prominente Hessen für das Projekt zur Verfügung gestellt.

In den vier Parteien Kunst & Kultur, Variete & Kabarett, Funk & Fernsehen sowie Sport & Spaß stellen sie sich seit November im Internet dem Votum der Wähler - mit großer Resonanz.

"Pro Monat haben wir fast 300 000 Zugriffe auf die Homepage gezählt", berichtet der Frankfurter Wahlamtsleiter, Oskar Rohde. Die Mehrzahl der Surfer informiere sich mit den angebotenen Texten über den neuen Wahlmodus und den Stimmzettel. Auch die Erklärungen in sechs Fremdsprachen für EU-Bürger sowie das Diskussionsforum für individuelle Fragen würden häufig genutzt. Zudem gaben etwa 25 000 Menschen ihre fünf möglichen Stimmen den prominenten Bewerbern.

Absoluter Liebling der Hessen ist der "Telefonterrorist" Bodo Bach. Von einer absoluten Mehrheit ist der 43-jährige Komiker ("Isch hätt' da gern emal e Problem...") mit 26 Prozent zwar weit entfernt. Zusammen mit dem Hessenschau-Moderator und Promi-Reporter Holger Weinert (18,2 Prozent) und dem Komiker-Duo Mundstuhl (11,8) dürfte es jedoch zur "Regierungsbildung" reichen. Auf Platz vier und damit weitaus besser als die Eintracht in der Bundesliga rangiert Felix Magath.

Noch aber hat die 800 000 Mark teure Kampagne, die im neuen Jahr von Annoncen und Info-Veranstaltungen begleitet wird, nicht jeden Homepagebesucher zum mündigen Staatsbürger werden lassen. Knapp zehn Prozent der Wähler hätten nicht "richtig" kumuliert, panaschiert oder für eine Liste gestimmt, berichtet Rohde.

Ist die Stimme dagegen gültig, winkt dem Teilnehmer eine Belohnung. Bis zum Ende der Kampagne im Februar verlost die Stadt zahlreiche Bücher und Freikarten, etwa für das Theater oder Fußballspiele der Eintracht. Richtige Verlierer wird es im Gegensatz zur echten Wahl nicht geben. Dafür sorgt bereits die Stadt, die die Ergebnisse der letztplatzierten Promis nicht veröffentlicht. (PC-WELT, 29.12.2000, dpa/ pk)

www.leute-waehlen-leute.de

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