30478

Klage gegen Yahoo wegen Weitergabe von Maildaten

22.09.2006 | 09:48 Uhr |

Shi Tao ist ein chinesischer Journalist, der kritisch über das Reich der Mitte berichtete. Prompt wurde er zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt - die chinesische Staatsgewalt versteht da keinen Spaß. Jetzt verklagt Tao den Internet-Dienstleister Yahoo vor einem amerikanischen Gericht, weil Yahoos chinesisches Tochterunternehmen die Verhaftung erst ermöglichte.

Der 37-jährige Shi Tao schickte im April 2004 eine Mail über sein privates Yahoo-Konto an die in New York sitzenden Betreiber einer Website, die für ein demokratisches China wirbt. In der Mail befanden sich Informationen über eine Warnung der Propagandaabteilung an chinesische Journalisten vor dem 15. Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989. Diese Informationen wurden auf der Website anonym veröffentlicht. Chinesische Ermittler verfolgten die Mail mit Hilfe von Yahoo (Hongkong) zu der Zeitung in Hunan zurück, wo Shi Tao damals noch als leitender Redakteur arbeitete. Im April 2005 wurde Tao daraufhin wegen der "Weitergabe von Staatsgeheimnissen" an "feindliche Elemente" im Ausland zu zehn Jahren Haft (bis 23. November 2014) verurteilt.

Yahoo Hongkong trug mit der Weitergabe der vertraulichen Maildaten entscheidend zum Fahndungserfolg der chinesischen Behörden bei. Dieses Verhalten brachte Yahoo weltweit Kritik ein. Jetzt reagiert auch das Opfer selbst: Tao verklagt Yahoo. Nicht nur in Hongkong, sondern auch und besonders in den USA.

Die Klage soll in den nächsten Monaten vor einem US-Gericht eingereicht werden. Taos Anwalt Albert Ho erklärte, dass man sich bei der Klage gerne mit anderen Opfern von Yahoo zusammentun möchte, um dann eine Sammelklage einzureichen. Man würde bereits mit anderen Betroffenen verhandeln, doch das sei für diese nicht ungefährlich, weshalb es noch keine konkreten Beschlüsse gäbe. Denn man befürchtet Repressalien für die Angehörigen der Kläger, wie der Hongkonger Anwalt Ho erläutert.

Das Verfahren werde wahrscheinlich vor einem US-Gericht entweder im Staat New York oder in Kalifornien stattfinden, wie Ho weiter ausführte. Tao hatte bereits vor einigen Monaten eine Klage vor einem Gericht in Hongkong gegen das chinesische Tochterunternehmen von Yahoo eingereicht. Die Klage ist noch anhängig.

Yahoo befindet sich mit seinem willfährigen Verhalten den chinesischen Behörden gegenüber in prominenter Begleitung. Denn auch Google, Microsoft und Cisco-Systems tun alles, um die Erwartungen der chinesischen Behörden zu erfüllen und ihre Geschäfte in China nicht zu gefährden.

Verurteilung von Dissidenten: Yahoo erneut in der Kritik (PC-WELT Online, 09.02.2006)

Verurteilter Journalist: Yahoo verteidigt Daten-Preisgabe (PC-WELT Online, 09.09.2005)

China: Proteste gegen Yahoo wegen Herausgabe von Daten (PC-WELT Online, 08.09.2005)

0 Kommentare zu diesem Artikel
30478