Kartoffel-Server: Jux-Experiment

Das Experiment, einen Webserver mit Kartoffeln zu betreiben, ist zwar technisch korrekt, die Meldung sollte aber eigentlich nur ein Jux sein. Nachdem sie seriöse Nachrichtendienste aufgegriffen hatten, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer.

Die vor zwei Wochen gemeldete Geschichte über den "Kartoffel-Server" war nicht ganz so ernst zu nehmen. Rein technisch ist es zwar möglich, aus Kartoffeln Strom zu erzeugen, da das salzige Innere der Knolle besonders gute elektrolytische Eigenschaften besitzt. Über eine Kupfer- und eine Zinkelektrode, die in die Kartoffel gesteckt werden, lässt sich etwa 1 Volt Strom produzieren. Das haben inzwischen auch zahlreiche renommierte Wissenschaftler bestätigt.
Um einen leistungsfähigen Server auf Kartoffelbasis zu betreiben, müsste man aber extrem viele Erdäpfel "verheizen". Einem Sun-Mitarbeiter zufolge bräuchte man etwa 450 Tonnen, um einen der Starfire-Server des Unternehmens zum Laufen zu bringen. Wenn es denn unbedingt sein müsste, würde sich lediglich der Betrieb eines so genannten Micro-Servers, der schon bei 5 Volt lauffähig ist, halbwegs lohnen: Hierzu würden etwa 6 Kartoffeln gebraucht.
Eine Gruppe britischer Tüftler hatte in einem Experiment bewiesen, dass sich mit einem Kartoffel-basierten Webserver zwei Websites ohne Netzstecker und nur mit Hilfe von zwölf Kartoffeln mehrere Tage lang betreiben lassen. Wie sich später heraus stellte, handelte es sich aber um eine gefakte Website mit extrem langer Aufbauzeit - das Experiment wurde also bei weitem nicht unter realen Bediungen durchgeführt.
Die Geschichte war weltweit durch die Presse gegangen - worauf die Briten überhaupt nicht vorbereitet waren. Einer von ihnen, Steve Harris, sagte, die Story sei nur als harmloser Witz gedacht gewesen. Und plötzlich sei der "Blödsinn" in ernsthaften News-Websites - unter anderem von BBC - zitiert worden. "Nachdem es ein paar seriöse Quellen gebracht hatten, wurde die Sache zum Selbstläufer", so Harris. Seiner Ansicht nach habe man im Ausland den britischen Humor nicht ganz verstanden. (PC-WELT, 08.06.2000, sp)
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