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Internet im Busch

27.04.2001 | 11:38 Uhr |

Das Internet und dessen Möglichkeiten beschränkt sich nicht nur auf Industriestaaten - auch in ärmeren Ländern wird das Netz immer stärker genutzt, wenn auch nur um Geld zu sparen.

Auch die Polizei schlägt der staatlichen Telefongesellschaft gern ein Schnippchen, wenn die zu teuer ist. "Ich habe ein Telefon zu Hause, aber bei Auslandsgesprächen gehe ich ins Internet-Cafe. Da spare ich", sagt Nicole Munroe in Georgetown, der Hauptstadt Guyanas im Nordzipfel Südamerikas. Nach einem Telefonschwatz mit Verwandten in den USA nippt die 30-jährige Polizistin am Mangosaft und zupft an ihrer Uniform.

Bei der Herstellung der Verbindung half ihr Terrence Bhagwandin. Der 18-jährige Student sagt: "Längst nicht jeder hat in Guyana ein Telefon, und kaum einer kann sich einen PC leisten." Eine Verkäuferin zum Beispiel verdient in Guyana nur gut 200 Mark im Monat. Das Geschäft im "Byte n' Surf Cyber Cafe" brummt kräftig. Schulkinder erhalten beim Web-Surfen einen Sondertarif.

Und die Großmutti mit dem Enkelkind auf dem Schoß hat für zehn Minuten "Welttarif" gerade umgerechnet 1,50 Mark bezahlt. "Dafür hätte die Dame auch China anrufen können, nicht kristallklar, aber verständlich", sagt die Cafe-Chefin. Die staatliche Telefon-Gesellschaft GT & T hätte ein Vielfaches verlangt, die Leitung wäre auch kaum besser gewesen.

Immerhin: GT & T hat auch Kartentelefone und Karten. Wer dagegen in Honduras keinen Privatanschluss hat, muss oft auch fürs Telefonat ins Nachbardorf zum Amt der Monopolgesellschaft und lange warten. In der Küstenstadt La Ceiba hängen vor dem Telefonamt viele Geräte mit Hörer und Schlitz. Nur Karten gab und gibt es meist keine. Das war schon vor Jahren so. Im ersten Stock des Einkaufszentrums hat mancher Tourist schon Jubelschreie ausgestoßen: Hier gibt es ein Internet-Cafe mit über zehn PCs, drei mit Telefonanschluss, alles sehr preiswert. Der Kaffee ist stark und gratis.

Einer der Internet-Oldies im Busch fernab der Metropolen ist "Eva's Restaurant" in San Ignaciao an der Grenze zwischen Belize und Guatemala, Treff für Weltenbummler und Rucksacktouristen, durstige Kehlen und Mail-Süchtige. Schon Ende 1996 lautete hier manche Bestellung: "One beer and three mails". Die Eigentümer, Bob und Nestora Jones, rechneten damals per empfangener oder gesendeter Nachricht ab. Ihr damals einziger PC war so dicht umlagert wie die drei, vier Barhocker, diente wichtigen Nachrichten und kurzen Grüßen an die Freundin und die Oma in den USA oder sonst wo.

Taiwan gilt als asiatisches Wirtschaftswunderland, aber auf die Schnelle ist in der Küstenstadt Hua Lien kein Internet-Cafe zu finden, nur ein Computergeschäft. An zwei PCs sitzen Schulkinder. Der Ladenchef lächelt den Ausländer an, als der nach dem nächsten Cyber Cafe fragt, und deutet auf eines der vielen Geräte. "Bitte, setzen Sie sich. Gehen Sie ins Web. Das kostet nichts, gehört bei uns zum Service."

Internet-Cafes haben auch Liebesleben und Kommunikation junger Thailänderinnen und ihrer Auslands-Lover digitalisiert. Wenn die langhaarige Schöne mit ihrem Urlaubs-Darling "chattet", der wieder in London, Frankfurt oder Sydney im Büro sitzt, braucht sie aber häufig Hilfe. Die Mail-Adresse, die der Galan ihr im weltweiten Netz vor der Abreise eingerichtet hat, kann sie anklicken. Den Ausdruck mit Liebesgrüßen oder gar einem Heiratsversprechen halten die Mädchen dann meist dem Mitarbeiter des Internet-Cafes vor die Nase, der ins Thailändische übersetzt. Umgekehrt verwandelt er auch einen handgekritzelten Liebesbrief in eine flotte Mail-Botschaft. (PC-WELT, 27.04.2001, dpa/ mp)

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