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Microsoft bringt Ordnung ins Web-2.0-Chaos

27.09.2009 | 15:24 Uhr |

Microsoft testet zur Zeit eine neue Software-Plattform, die Unternehmen dabei helfen soll, aktuelle Trends und Diskussionen in der Web 2.0-Sphäre rascher zu erkennen und darauf zu reagieren. Das Produkt, das nächsten Monat von einer Testergruppe auf Herz und Nieren überprüft wird, trägt den vorläufigen Namen "Looking Glass" und soll als Feedreader und Monitoring-Tool für Social Media auf den Markt gebracht werden.

Jamey Tisdale, Group Product Marketing Manager in der "Innovationsbrutstätte" von Microsoft, beschreibt das Produkt als "Brücke zwischen IT und der Marketing-Organisation." Im Detail sieht das Konzept der Plattform vor, Informationen aus den verschiedenen Plattformen des Web 2.0 zu sammeln und diese daraufhin mit unternehmensinternen Kundendatenbanken, Service Centern und Verkaufsstatistiken zu verbinden. Looking Glass sammelt dafür über Feeds Informationen aus Netzwerken wie Twitter, Facebook, YouTube und Flickr und macht diese innerhalb der Microsoft-Unternehmensplattformen Outlook und Sharepoint verfügbar. Beschwert sich zum Beispiel ein Blogger über ein bestimmtes Produkt, könnte der PR-Verantwortliche des beschuldigten Unternehmens mithilfe von Looking Glass etwa ausforschen, ob es sich dabei eventuell um einen gewinnträchtigen und einflussreichen Kunden handelt. Trifft dies zu, können unter Umständen gleich Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, um den Verärgerten wieder zu besänftigen.

Frank Mühlenbeck, Mitbegründer des Beratungsunternehmens Brain Injection , hält Vorstösse wie jenen von Microsoft für "absolut sinnvoll." Monitoring von Social Media wird zum Großteil mithilfe von RSS-Feeds durchgeführt, die auf semantischen Verfahren basieren. "Allerdings sind nur etwa 60 Prozent der Inhalte im Web 2.0 automatisierbar. Eine qualitative Analyse der Suchergebnisse ist daher zusätzlich nötig", so der Fachmann. Für die Praxis in kleinen und mittelgroßen Unternehmen eignen sich Feedreader wie Google Reader oder Netvibes, um sich einen Überblick über die Vorgänge im Internet zu verschaffen. Willms Buhse wiederum, Enterprise-2.0-Experte und Gründer der Beratungsfirma doubleyuu , rät dagegen zum Ansatz "Listen - Talk - Cocreate": "Zunächst muss ein Unternehmen lernen zuzuhören, was im Web 2.0 vor sich geht. Danach sollte man versuchen, aktiv mit den Kunden in Dialog zu treten. Am Ende dieses Prozesses steht das Ziel, sie einzubinden und gemeinsam Produkte zu entwickeln."

Mühlenbeck sieht jedoch zwei grundsätzliche Probleme, wenn sich Unternehmen die verschiedenen Vorzüge von Web-2.0-Applikationen zu Nutze machen wollen. Zum einen würde vielerorts ein genaues Verständnis für die Materie des Social Web fehlen und noch erheblicher Beratungsbedarf bestehen. Zum anderen vermissen es viele Firmen, Social-Media-Guidelines und eine einheitliche Strategie für die Kommunikationsarbeit im Web 2.0 zu erstellen, analysiert Mühlenbeck. Buhse ergänzt, dass Social-Media-Guidelines möglichst knapp formuliert werden sollten: "Ein Mitarbeiter muss sich im Klaren sein, welche Konsequenzen zum Beispiel ein schlecht formulierter Tweet hat. Grundsätzlich gilt die Devise 'Don't write anything stupid!'" Der doubleyuu-Gründer beobachtet, dass das Berufsbild des klassischen PR- und Kommunikationsmanagers im Zuge der Entwicklung im Social-Media-Bereich Veränderungen unterlegen ist. Kunden wollen laut Buhse mit den verantwortlichen Fachleuten in einem Unternehmen reden und nicht unbedingt mit einem PR-Manager. "Marketing- und PR-Verantwortliche müssen lernen loszulassen und Verantwortung abzugeben. Die Herausforderung besteht darin, die Experten eines Unternehmen fit zu machen, um mit dem Markt zeitgemäß und in Echtzeit kommunizieren zu können", so Buhse abschließend. (pte)

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