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Medikamenten-Mafia weitet Online-Geschäft aus

14.06.2009 | 16:06 Uhr |

Illegal produzierte Medikamente werden in Deutschland immer häufiger im Internet verkauft. Besorgniserregend hierbei ist, dass Experten inzwischen davon ausgehen, dass 96 Prozent der außerhalb der Portale von Webapotheken angebotenen Arzneien keine zugelassenen Originale sind.

Der deutsche Zoll schlägt Alarm und vergleicht die Strukturen der Medikamenten-Mafia mit denen des Rauschgifthandels. "Wir sehen immer öfter, dass illegal hergestellte Arzneien aus Südostasien für den privaten Gebrauch nach Deutschland eingeführt werden. Dies bezieht sich zum Großteil auf den Paketverkehr", erläutert Holger Giersberg vom Hauptzollamt Erfurt gegenüber pressetext. Die Mittel sind bestenfalls wirkungslos, oft aber auch sehr gefährlich. Giersbergs Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen des Kölner Zollkriminalamts , die als Zentralstelle des deutschen Zollfahndungsdienstes fungiert. Laut der Ermittlungsbehörde werden die gesundheitsgefährdenden Präparate meist aus Asien oder Osteuropa auf den klassischen Drogenrouten eingeschleust bzw. dort per Post zugestellt. Mit der Angst vor der Schweinegrippe konnten die Zollermittler feststellen, dass sogar das Anti-Grippe-Mittel Tamiflu illegal nachkopiert wurde und auf dem Markt aufgetaucht ist. Der Trend zur organisierten Kriminalität in diesem Bereich lässt sich anhand der aktuellen Zahlen verdeutlichen. Die Zahl der vom Zoll beschlagnahmten Tabletten stieg innerhalb von nur drei Jahren von einer halben Mio. auf nunmehr knapp fünf Mio. Stück.

Bei illegalen Medikamenten-Ampullen fällt die Zunahme noch höher aus. Die Zahl der vom Zoll beschlagnahmten Ampullen mit gefälschten Wachstumshormonen kletterte von 14.000 im Jahr 2005 auf inzwischen 147.800 - Tendenz bis Jahresende steigend. Aber die Grauzone soll Fachleuten zufolge "noch viel größer" sein, heißt es in einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Trotz des inzwischen bekannten Vorgehens der Medikamenten-Mafia nehmen die Internet-Bestellungen kräftig zu. Vor allem das Geschäft mit Potenzpillen sowie Abnehmpräparaten floriert. Experten führen dies auf die Möglichkeit der Anonymität zurück. Die Medikamente sind deshalb so gefährlich, weil die Dosis der Wirkstoffe oft überhöht ist. Die Folgen der "Internet-Schnäppchen" können Herzrasen oder Schwindelgefühl sein.

Obwohl die Medikamenten-Imitate lange Zeit im Ausland produziert wurden, hält nun der Trend zur Herstellung in illegalen Labors in der Bundesrepublik an. Erst vor kurzem ließ der Zoll im Ruhrgebiet eine Fälscherwerkstatt auffliegen. Weitere Zentren werden in der Region Rhein-Main vermutet. Die chemische Herstellung in Deutschland lässt sich damit erklären, dass die Täter zunehmend die Grenzübergänge meiden und stattdessen direkt im Absatzland agieren. Dass Fakes zu Billigpreisen verkauft werden, kommt in nur wenigen Fällen vor. Diese liegen etwa bei rund 80 Prozent der Preise der Originalpräparate. Somit will man den Verdacht eines Plagiats erst gar nicht aufkommen lassen. Die Gewinne mit falschen Pillen sind jedoch noch immer hoch. Sie entsprechen inzwischen denen im Drogengeschäft. (pte)

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