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IT-Gehälter: Die Region spielt eine Rolle

06.12.2006 | 14:45 Uhr |

Gleiche Arbeit wird ungleich bezahlt. Ein Faktor von vielen ist der Firmensitz.

Hier lesen Sie ...

  • wie sich der Standort von IT-Unternehmen auf die Gehälter auswirkt;

  • welche anderen Faktoren eine Rolle spielen;

  • was Sie tun können, um nicht über den Tisch gezogen zu werden.

Anton, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist ein fleißiger Mann. Seinem Arbeitgeber, einem Weiterbildungsinstitut im niederbayerischen Straubing, dient er eigentlich in zwei Berufen. Als Dozent gibt er von 8 bis 16 und von 18 bis 21.45 Uhr Kurse zum Beispiel über heterogene Netze und Windows XP. Nebenher und zwischendurch kümmert er sich als Netzwerkadministrator um alle anfallenden Hard- und Softwareprobleme. Pro Woche arbeitet der 28-Jährige durchschnittlich 50 Stunden, in die Kursvorbereitungen, Korrekturen und Prüfungen aber noch nicht eingerechnet sind. Antons Gehalt wirkt angesichts dessen wie eine schlechte Pointe: Im Monat kommt er auf 2100 Euro brutto und 1340 Euro netto (Steuerklasse 1). Weihnachts-, Urlaubsgeld und Überstundenvergütung erhält er nicht. 16 Überstunden monatlich darf er abfeiern.

Die Hauptstadt ist Hightech-Provinz. Der schwierige Arbeitsmarkt drückt dort auch auf die IT-Gehälter.
Vergrößern Die Hauptstadt ist Hightech-Provinz. Der schwierige Arbeitsmarkt drückt dort auch auf die IT-Gehälter.
© 2014

Für Straubing (45 000 Einwohner) sei diese Bezahlung normal. In München, schätzt Anton, könnte er mit der gleichen Arbeit netto 400 Euro mehr verdienen. Ob er damit unter dem Strich besser dastehen würde, sei angesichts der extrem hohen Münchner Mieten dahingestellt (siehe Kasten "Das kostet der Alltag"). Trotzdem entspricht seine Rechnung einem Erfahrungswissen nicht nur in der IT-Branche: Wo es sich teurer lebt, also grob gesagt im Westen, Süden und in der Großstadt, zahlen die Arbeitgeber auch besser als im Osten, Norden und auf dem Land.

IT-Experten, die schon in verschiedenen Regionen gearbeitet haben, bestätigen das. Der Leonberger Softwareentwickler und Trainer Frank Müller spricht von "sehr hohen Unterschieden" in der Bezahlung gleicher oder gleichwertiger Arbeit. Er hätte nördlich des Ruhrgebiets eine Stelle annehmen können, sein Gehaltswunsch, mit dem er sich an seinen Stuttgarter Erfahrungen orientierte, wurde aber als "drastisch zu hoch" empfunden. Peter Gogl, Projektleiter beim Industriecomputer-Hersteller DLoG in Olching, glaubt, dass die Lebenshaltungskosten am Firmensitz das Gehalt stärker beeinflussen als die Firmengröße.

Das kostet der Alltag

Wohnen: Eine 75-Quadratmeter-Wohnung aus den 1990er Jahren in durchschnittlicher bis guter Qualität und entsprechender Wohnlage kostet in München zur Kaltmiete 720,75 bis 955,50 Euro (städtischer Mietspiegel für den Stadtteil Thalkirchen). In Berlin-Charlottenburg sind es laut dem Mietspiegel der Senatsverwaltung 450 bis 651 Euro; Berlin verfügt in anderen Stadtteilen, anders als München, noch über viele sehr einfache Wohnungen mit Quadratmeterpreisen unter drei Euro. In Karlsruhe (490 Euro), Straubing (365 Euro) und Coburg (340 Euro) existieren keine offiziellen Mietspiegel. Die Zahlen beruhen hier auf Angaben der Stadtverwaltung.

Kindergarten: Ein Ganztagsplatz im städtischen Kindergarten für ein Kind kostet in München monatlich je nach dem Einkommen der Eltern null bis 202 Euro (über neun Stunden), in Berlin 25 bis 466 Euro (über neun Stunden), in Karlsruhe 173 Euro (7 bis 12,5 Stunden), in Straubing 111 Euro (9 bis 10 Stunden) und in Coburg 105 Euro (ganztags).

Kino: Die Zahlen beziehen sich pro Karte auf große innerstädtische Mainstream-Kinos am Wochenende: München 7,50 bis 8,50 Euro, Berlin 7,50 Euro, Karlsruhe 7,90 bis 8,70 Euro, Straubing 6,90 Euro, Coburg 7,50 Euro. Unter der Woche ist es billiger.

Durst: Typische Innenstadtpreise für einen Cappuccino beziehungsweise ein helles Bier (0,5 Liter): München 2,60/3,10 Euro, Berlin 2,40/2,80 Euro (0,4 Liter), Karlsruhe 2,60/3,30 Euro, Straubing 2,20/2,50 Euro, Coburg 2,20/2,20 Euro.

Auch Martin Hofferberth, Vergütungsexperte bei der Unternehmensberatung Towers Perrin in Frankfurt am Main, macht in Entlohnungsfragen ein starkes West-Ost- und Stadt-Land-Gefälle aus (siehe Grafik "Reicher Süden - armer Osten"). Am besten bezahlt wird IT-Arbeit demnach in München und Frankfurt, gefolgt von drei weiteren westdeutschen Großstädten. Das deckt sich weitgehend mit dem, was Tim Böger, Mitgründer und Geschäftsführer der Hamburger Vergütungs- und Karriereberatung Personalmarkt, herausgefunden hat. Entlang den Richtungen West-Ost und Süd-Nord lägen IT-Gehälter bis zu 22 Prozent über dem Durchschnitt und bis zu 25 Prozent darunter. Am meisten sei statistisch in Frankfurt und München zu verdienen, am wenigsten in Mecklenburg-Vorpommern.

Für IT-Freiberufler sieht es ähnlich aus. Einer Studie des Personaldienstleisters Gulp zufolge verlangen sie im Durchschnitt aller Tätigkeiten im Frankfurter Raum ein Stundenhonorar von 70 Euro. In Halle, Leipzig und Dresden sind es neun Euro weniger. Dabei verträgt die Frankfurter Gegend sogar eine starke Konzentration: 20 Prozent aller im Gulp-Portal registrierten Freiberufler wohnen dort.

Wie gehen Unternehmen, die Niederlassungen in unterschiedlich teuren Regionen betreiben, damit um? Daimler-Chrysler und Accenture werben damit, gleiche Arbeit im ganzen Land gleich zu bezahlen. Bei uns, soll das heißen, verdient jeder gut. Laut Towers-Perrin-Mann Hofferberth gründen andere internationale Konzerne eigens Tochterfirmen, "um den offensichtlichen Gehaltsunterschied vor allem zwischen Ost und West zu verdecken" beziehungsweise dem Betriebsrat die Gegenwehr zu erschweren. Wer regional verschieden bezahle, teile das selten offen mit, ergänzt Personalmarkt-Chef Böger. Viele Unternehmen wollen gar nicht erst in den berechtigten oder unberechtigten Verdacht kommen, in ihren Filialen unterschiedlich zu vergüten. Der besonders in Banken und Versicherungen aktive Dienstleister Entory (Zentrale: Ettlingen, Filialen: Frankfurt, Hannover, Köln, München) beantwortete eine entsprechende Anfrage nicht.

Auskunftsfreudiger zeigt sich die msg Systems AG: Bei ihr gehören die regionalen Gehaltsabweichungen zur offiziellen Personalpolitik. Der unter anderem für seine Branchenlösungen bekannte Systemintegrator mit Zentrale in Ismaning bei München unterhält hierzulande Geschäftsstellen in Berlin, Chemnitz, Frankfurt am Main, Köln, Hamburg, Hannover, Passau und Stuttgart. "Bei wirklich gleichartigen Qualifikationen", so der für das Personalwesen zuständige Vorstand Volker Reichenbach, berücksichtige msg zur Gehaltsbemessung auch "die Angaben des Statistischen Bundesamtes" bezüglich der regional unterschiedlichen Preise. Sowohl für den festen als auch für den variablen Gehaltsteil gebe es dazu einen Schlüssel, der jedoch nicht dogmatisch benutzt werde. Die Mitarbeiter kennten und schätzten diese transparente Regelung.

Dass die Lebenshaltungskosten in einer Region sich auf die IT-Gehälter auswirken, kann nach alledem als gesichert gelten. Das Ausmaß ist jedoch sogar im Einzelfall oft schwer in Euro oder Prozent anzugeben. Andere, teils gegenläufige Faktoren überlagern oder schwächen den Einfluss der Region. Manches, was regional bedingt erscheint, hat andere Gründe.

Die Bedeutung der IT für das Unternehmen: Wer auch einmal eine Weile lang ohne seine IT auskommen kann, gibt nicht so viel dafür aus. Ist die IT dagegen eine Kernfunktion, sind die Gehälter hoch. Banken sind auf die Sicherheit ihrer elektronisch gespeicherten Daten ganz und gar angewiesen und entlohnen ihre IT-Spezialisten entsprechend. So entstehen die hohen Frankfurter Gehälter. Würden die dortigen Banken über Nacht nach Bitterfeld gebeamt, würden sie ihren IT-Leuten sicher weniger zahlen als zuvor, aber ebenso sicher für Bitterfelder Verhältnisse viel.

Lokaler Arbeitsmarkt/spezielle Fähigkeiten: Im nationalen Vergleich der IT-Gehälter schneidet Hamburg laut Tim Böger besser ab als beim Durchschnitt aller Branchen. Das liegt an einer stärkeren Nachfrage. In jeder Region hängt viel davon ab, welche Fertigkeiten gerade gefragt sind. Wie schnell IT-Wissen lukrativ werden und veralten kann, haben viele Fachleute freud- und leidvoll erfahren.

Unternehmensgröße: Brauchen kleine Unternehmen Spezialisten mit anspruchsvollen und seltenen Kenntnissen, können sie die verlangten Gehälter unter Umständen nicht aufbringen. Tendenziell zahlen die Großen besser.

Auch das darf man aber nicht verallgemeinern, erklärt Martin Hofferberth. International operierende, angesehene Firmen können, wenn sie es darauf anlegen, auch mit mittleren Gehältern erstklassige IT-Experten gewinnen. Diese lassen sich darauf ein, weil ein Konzern vielfältige Karriereperspektiven und oft auch attraktive Nebenleistungen bietet. Manche florierenden Mittelständler, die über keine eigenen Tennisplätze oder schönen Dienstwohnungen im Ausland verfügen, halten tatsächlich mit höheren Gehältern dagegen.

Strukturschwäche: Die IT-Branche verändert sich rasant. Dennoch wird es in manchen Regionen wohl auf lange Sicht nicht viele gehobene und gut bezahlte IT-Arbeitsplätze geben. Werden dort doch überdurchschnittliche Fachleute gesucht, müssen die Unternehmen versuchen, sie aus der Ferne anzulocken, da die Ortsansässigen nicht entsprechend ausgebildet sind. In Straubing und 50 Kilometer darum herum findet Anton "pro Monat maximal zehn Stellen ausgeschrieben. Hierbei handelt es sich oft um Web-Entwicklung und Programmierung sowie vereinzelt um Netzwerkadministration." Karrieren oberhalb der Tages-IT sind also schwer möglich.

Bruno hat sich wie Anton an der Computerwoche-online-Umfrage "Wie viel verdienen Sie?" beteiligt und möchte ebenfalls anonym bleiben. Von Berlin aus pendelt er zu einem mittelständischen Baustoffhersteller und Logistikunternehmen im Raum Coburg (43 000 Einwohner). Als Projektleiter Softwaremigration und IT-Teamleiter mit drei Mitarbeitern verdient der 34-Jährige im Jahr 42 000 Euro brutto (13 Monatsgehälter plus Bonus). Netto sind das für den Familienvater im Monat etwa 1900 Euro. In der Nähe der oberfränkischen Stadt sieht Bruno kaum Chancen, sich zu verbessern, da fast nur Supporter gesucht werden. Er selbst tut sich schwer, für sein Team einen solchen Kollegen zu finden, denn in der Gegend wird kaum IT-Ausbildung betrieben. Wer einen IT-Beruf erlernen oder Informatik studieren will, geht weg und fasst dann beruflich anderswo Fuß. Seiner Familie möchte Bruno "die schlechte Infrastruktur der Region Coburg" nicht zumuten. Als Kenner der Kommunikationstechnik stört ihn hier unter anderem das De-facto-Monopol der Telekom.

Zwei Sonderfälle: Berlin und Karlsruhe. Vom IT-Arbeitsmarkt in Berlin, wo seine Familie wohnt, zeichnet Bruno ein düsteres Bild. Mit seiner Arbeit würde er dort um 30 bis 40 Prozent mehr verdienen, hält es aber für unwahrscheinlich, einen solchen Job zu finden: "Die IT ist aus Berlin zum großen Teil abgewandert, viele Berliner Firmen werden von Hamburg oder Hannover aus betreut." Durch das "Massensterben der Mittelständler" sei die Zahl der denkbaren Arbeitgeber schwer zurückgegangen. Würden Allrounder für den Tagesbetrieb gesucht, sollten sie so breite Kenntnisse haben, dass sie mehrere andere Mitarbeiter ersetzen könnten. Dadurch nimmt die Zahl der Arbeitsplätze noch weiter ab. Warum es der hauptstädtischen IT-Szene so wenig geholfen hat, dass sie seit 1990 auf keiner Insel mehr agiert, wäre eine eigene Untersuchung wert.

Bruno hört sich nach einer Stelle in Südwestdeutschland um. Vielleicht wird er ja in Karlsruhe (285 000 Einwohner) fündig. IT-Kenner mit einem Forschungsfaible denken bei dieser Stadt zum Beispiel an drei Hochschulen, das Forschungszentrum Informatik, das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKMT), elf Steinbeis- und drei Fraunhofer-Institute. Praktikern fallen eher Unternehmen wie 1&1 und web.de ein sowie die vielen kleinen Gründungen im Umfeld der Forschung. Es scheint kein Zufall, dass die erste E-Mail auf deutschem Boden am 2. August 1984 im hiesigen Universitätsrechenzentrum verschickt worden ist. Obwohl es Karlsruhe wirtschaftlich auch sonst gut geht, sind die Mieten erschwinglich.

Mit ähnlicher Arbeit ungleich verdient wurde in der IT schon immer. Die Branche hatte jedoch insofern lange eine Sonderstellung, als auch die niedrigeren Gehälter, verglichen mit anderen Berufen, meist relativ hoch waren. Diese Regel gilt nicht mehr. Wie Antons Geschichte zeigt, ist es mittlerweile auch für IT-Experten möglich, mit viel Arbeit wenig einzunehmen.

Geld und Risiken werden asymmetrischer verteilt. Praktiker wie Bruno bringen die immer wieder geforderte Flexibilität längst auf. Doch die Gehälter von IT-Führungskräften steigen, wie Personalmarkt-Chef Böger belegen kann, seit Jahren stärker als die von Fachkräften. Je höher außerdem die Position, desto weniger muss laut Towers-Perrin-Mann Hofferberth der Inhaber mit regionsbedingten Abschlägen rechnen. Über das Gehaltsrisiko, das damit verbunden ist, eine Frau zu sein, hat die COMPUTERWOCHE unlängst berichtet (siehe Hinweis im Kasten "Mehr zum Thema").

Immer noch bekommen viele IT-Experten für gute Arbeit guten Lohn. SAP-Berater können als Berufseinsteiger mit einem Jahresgehalt von 43 000 Euro rechnen. Angesichts der schwierigen Aufgaben ist das nicht zu viel. Warum aber Antons Engagement nur 58,6 Prozent davon wert sein soll, bleibt unklar.

Peter Gogl glaubt, dass sich für bestimmte IT-Experten die Gehälter wie auch die freiberuflichen Honorare regional nicht stark unterscheiden. Diese Leute verfügten über, gemessen an der Nachfrage, relativ rare Kenntnisse. Gogl nennt WLAN-Spezialisten, Unix- und Datenbankadministratoren sowie Webmaster. Sie seien gut vernetzt, tauschten sich über ihre Einkunftsmöglichkeiten aus und ließen sich daher schwer gegeneinander ausspielen.

*Dr. Michael Schweizer ist freier Journalist und Textchef der COMPUTERWOCHE in München .

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