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Heute Hightech, morgen ins Museum: Chipproduktion in Deutschland

130.000 Euro klingt erst einmal nach einem ganzen Haufen Geld. Für die rund 800 Beschäftigten in der Chipfabrik des Halbleiterkonzerns Infineon in München-Perlach ist die Summe der maximalen Abfindung aber nur ein schwacher Trost.

Spätestens im Sommer 2007 werden fast alle von ihnen ihren Arbeitsplatz verlieren. Dann macht die Fabrik dicht, in der viele von ihnen 20 Jahre oder länger gearbeitet haben. Die Chance auf einen neuen Job in ihrem Beruf ist gering. Denn die Perspektiven der Chipproduktion in Deutschland sind aus Sicht der IG Metall dürftig.

Weil das rund 20 Jahre alte Werk in München-Perlach nicht mit dem technologischen Fortschritt mitgehalten hat, wird Infineon das Werk schließen und die Produktion erst einmal in seine moderneren Werke nach Regensburg und ins österreichische Villach verlagern. "Aber wenn man sich die Entwicklung in dieser Branche anschaut ist zu befürchten, dass wir in Regensburg in ein paar Jahren vor dem gleichen Problem stehen", sagte der bayerische IG Metall-Chef Werner Neugebauer am Montag in München.

Und selbst das Infineon-Vorzeigewerk in Dresden könnte bald durch eine High-Tech-Produktionsstätte in Asien abgelöst werden. Denn was in der Chipindustrie heute noch ultramodern ist, kann morgen schon reif für das Museum der Technologiegeschichte sein. Dann steht die Konzernleitung vor der Frage: Modernisieren oder Schließen.

In München-Perlach wäre die Modernisierung für Infineon teurer geworden als die Schließung - trotz des Sozialpakets, das Infineon rund 50 Millionen Euro kosten wird. Selbst die Gewerkschaft musste nach einem monatelangen Kampf einsehen, dass das Festhalten an dem Werk in München nichts mehr brachte. Nach einem tagelangen Streik setzte die Gewerkschaft am Montag immerhin einen kleinen Teil ihrer Forderungen durch: Höhere Abfindungen, eine Beschäftigungsgesellschaft und eine Option auf ein späteres Schließungsdatum der Fabrik. "Bei dem Streik konnten wir nicht alle Träume erfüllen, aber Wesentliches zur sozialen Absicherung leisten", sagt Neugebauer.

Eine Prognose über die weitere Entwicklung der Chipherstellung in Deutschland traut sich kaum jemand zu. Aber die Schließung von Fabriken könnte zu einem Teufelskreis führen: Durch die ungünstigen Perspektiven in Deutschland entscheiden sich immer weniger Menschen für einen Beruf in dieser Branche. Der Mangel an Fachkräften führt wiederum dazu, dass die Chipindustrie ins Ausland wandert. Der Branchenverband Bitkom rührt deshalb unbeirrt die Werbetrommel für die Berufe in der Computer- und Hightech-Industrie. "Die Informationstechnologie bleibt eine Zukunftsbranche", sagt ein Sprecher des Verbandes. "Auch in Deutschland."

Streit um Perlacher Werk: Infineon und IG Metall einigen sich (PC-WELT Online, 31.10.2005)

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