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Ärzte kritisieren Freibrief für Mobilfunk

03.05.2009 | 15:31 Uhr |

Starke Kritik übt die Österreichische Ärztekammer an der Aussage des Wissenschaftlichen Beirat Funk (WBF), Mobilfunkstrahlen seien unter Einhaltung der Grenzwerte gesundheitlich unbedenklich. Die mittel- und langfristigen Folgen des Mobilfunks seien mit der derzeitigen Datenlage noch nicht abschätzbar, warnt die Ärztekammer. "Es existiert noch keine Studie, die die Gefährlichkeit des Mobilfunks eindeutig beweisen kann. Doch für eine verharmlosende Prognose ist es ebenfalls eindeutig zu früh", so Jörg Hoffmann, Arzt und Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei der Ärztekammer, im pressetext-Interview.

Die derzeitige Mobilfunk-Diskussion hält Hoffmann für vergleichbar mit derjenigen um die Zigarettenindustrie in den 60er-Jahren. "Auch damals warnten namhafte Wissenschaftler vor der Kriminalisierung der Zigarette. Bis deren Schädlichkeit bewiesen werden konnte, vergingen Jahrzehnte. Heute würde jedoch niemand mehr ernsthaft wagen, das Rauchen vom Standpunkt der Gesundheit aus zu verteidigen", so Hoffmann. Die soeben vom WBF präsentierten Daten, die keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse liefern würden, seien zu hinterfragen. "Mehrere führende Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats Funk sind auch in der wissenschaftlichen Beratung des Forum Mobilfunk tätig, der in Österreich den Zusammenschluss der Mobilfunkanbieter darstellt. Das könnte einige der Aussagen relativieren", so der Ärztekammer-Sprecher.

Hoffmann hält es für "bedauerlich, dass die Warnungen von Medizinern und von der Ärztekammer nach wie vor zu wenig ernst genommen wird". In anderen Ländern würden mögliche Gefahren von Mobilfunkstrahlen offen diskutiert. "In Frankreich gibt es etwa für Telefonate von Kindern Regeln zur Vorsichtsmaßnahmen, die auch von offizieller Stelle kommen." Im kleinen Land Österreich, wo man weiterhin dem Unbedenklichkeits-Kurs der Mobilfunkindustrie folge, werde das Thema erst durch Bürgerinitiativen und Konsumentengruppen aktiv angegangen, so der Ärztesprecher.

Den Vorwurf des WBF, die Ärztekammer verweigere sich des Dialogs, sieht Hoffmann nicht als gerechtfertigt. "Wir betreiben sicher keine aktive Verweigerung des Gesprächs. Im Gegenteil hat sich die Ärztekammer dafür stark gemacht, dass der Oberste Sanitätsrat eine klare Stellungnahme zum Gebrauch von Mobiltelefonen gibt." Bei einer Ärztekammer-Veranstaltung im Vorjahr zu Vor- und Nachteilen des Mobilfunks sei man um differenzierte Aussagen bemüht gewesen und habe auch Befürworter an prominenter Stelle zu Wort kommen lassen. "Vor allem ist die Warnung vor dem Mobilfunk eine Gewissensfrage, bei der man den Ärzten sicher kein wirtschaftliches Interesse unterstellen kann wie dies etwa in der Impfthematik der Fall ist", betont Hoffmann.

"Mobiltelefone sollen nicht verteufelt werden, doch ein vorsichtiger Umgang ist angebracht", so Hoffmann. Das betreffe besonders kleine Kinder, da deren dünne Schädeldecke wenig Schutz vor Einwirkungen gebe. Die Telefonieregeln der Ärztekammer hätten somit weiterhin Gültigkeit. Diese empfehlen unter anderem möglichst kurze und seltene Telefonate, den Verzicht auf Spiele am Mobiltelefon und keine Aufbewahrung in der Hosentasche. Aufgrund höherer Strahlung sollte das Mobiltelefon beim Gesprächsaufbau oder beim SMS-Versand fern gehalten und in Fahrzeugen auf Telefonate verzichtet werden. Wireless LAN oder UMTS verursachen nach Ansicht der Ärzte eine hohe Dauerbelastung. (pte)

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