02.06.2008, 12:42

Handelsblatt

HDTV

Österreich beginnt mit hochauflösendem Fernsehen

In Österreich hat heute die Fernsehzukunft begonnen. Das Staatsfernsehen ORF startet als erster TV-Sender in Europa einen Kanal im hochauflösenden HDTV-Format über den Astra-Satelliten. Die scharfen Bilder sind allerdings nicht kostenlos zu haben.
Pünktlich um 9 Uhr drückte ORF-Chef Alexander Wrabetz heute den roten Knopf zum Sendestart. Die Anstalt strahlt nun ihr erstes Programm "ORF 1" per Satellit rund um die Uhr. Die Österreicher wollten unbedingt die Ersten sein, auch wenn der HDTV-Betrieb Zusatzkosten von zehn Mill. Euro im ersten Jahr verursacht.
Wrabetz machte den Technikleuten daher ordentlich Dampf - von der Planung bis zur Umsetzung hatten sie nur sieben Monate Zeit. Dass der HDTV-Kanal rechtzeitig zum Anpfiff zur Fußball-Europameisterschaft am 7. Juni in Österreich und der Schweiz an den Start gehen kann, darauf ist der technische Direktor Peter Moosmann mächtig stolz: "Durch HDTV werden wir Technikführer unter den deutschsprachigen Sendern."
Von der Einführung der neuen Sendetechnik erwartet sich die Fernsehbranche einen Quantensprung. "Das ist wie der Wechsel vom Schwarz-Weiß-Fernsehen zum Farbfernsehen", formulierte der frühere Premiere-Chef Georg Kofler einst euphorisch. ORF-Technikchef Moosmann nennt HDTV gar "die ganz große Innovation seit der Einführung des Farbfernsehens".
Im Gegensatz zur bisherigen Fernsehnorm "PAL" mit 415000 Bildpunkten besitzt HDTV bis zu zwei Millionen Bildpunkte. Die höhere Bildschärfe wird auch die Produktion von Fernsehsendungen ändern. Denn für hochauflösende Filme brauchen die Hersteller mehr Großaufnahmen. Hingegen müssen sie schnelle Kamerafahrten vermeiden - die Bildschärfe überfordert sonst das Auge des Zuschauers.
Bisher allerdings gibt es abgesehen von der Live-Berichterstattung zum Beispiel bei Sportveranstaltungen kaum Programme in HD-Qualität. Die meisten Hollywood-Studios nehmen zwar Serien wie "Desperate Housewives" oder "Lost" in hochauflösender Qualität auf. Doch nachher wandeln sie die Blockbuster wieder für das herkömmliche Fernsehen um. Doch auch die Studios wissen, dass die Nachfrage steigen wird, auch wenn der jetzige Markt noch klein ist. "In Hollywood war das Erstaunen groß, dass ausgerechnet der kleine ORF den Wunsch nach Programmen im HD-Standard hat", sagt ORF-Marketingchef Pius Strobl.
In Deutschland sind die Sender bei der Einführung von HDTV noch zögerlich. Bei den Öffentlich-Rechtlichen soll es erst zu den Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010 mit der neuen Technik richtig los gehen. Weiter sind schon die Schweizer. Das Staatsfernsehen SRG produziert bereits einen Testlauf: Ein HDTV-Sender wiederholt dabei ein vierstündiges Programm rund um die Uhr. Privatsender warten angesichts der hohen Kosten noch ab - mit einer Ausnahme: Am vergangenen Sonntag startete Eurosport, Tochter des französischen Fernsehkonzerns TF 1, einen HD-Kanal, der aber noch nicht in Deutschland zu empfangen ist.
Wegen des geringen Angebots hält sich bei den Verbrauchern die Sehnsucht nach den ultrascharfen Bildern auf den Flachbildschirmen in Grenzen. "Mit dem HDTV gibt es eine Henne-Ei-Problem. Ohne HD-Programme war bislang auch das Interesse am Kauf von Empfangsanlage inklusive Receiver gering", sagt Moosmann.
Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen: Um das HD-Programm des ORF zu empfangen, ist ein Empfangsgerät mit dem Siegel "HD ready" oder "Full HD" notwendig sowie eine ORF-Digital-Sat-Karte und eine HD-fähige Set-Top-Box. Die Satellitenantenne braucht nicht für den Empfang verstellt werden. Keinen Zugang haben Zuschauer des digitalen Antennenfernsehens "DVB-T", weil der ORF den HDTV-Kanal nur über Astra und nicht über terrestrische Antennen verbreitet.
Der öffentliche Rundfunk in der Alpenrepublik will mit dem HDTV-Betrieb nun die Zuschauer von der Technik überzeugen. Die Generalprobe hat das Format schon bestanden. Auf der Weltcup-Meile des steirischen Wintersportorts Schladming übertrug der ORF die beiden Durchgänge des spektakulären Nachtslaloms erstmals in hochauflösender Qualität.
Per Satellit schickte der Sender das Signal in das Wiener Sendezentrum und übertrug es dann in die Landesstudios. Die gelungene Generalprobe für das hochauflösende Fernsehen war die Voraussetzung für den Regelbetrieb. "Der Testversuch in Schladming hat gezeigt, dass wir die Technik beherrschen", sagt Technikchef Mossmann.
Der Sendeauftakt könnte auch der Startschuss für weitere Innovationen sein. Denn Avantgardisten sehen in HDTV nur einen Zwischenschritt hin zu einer völlig neuen Fernsehwelt. Im Forschungszentrum von Philips im niederländischen Eindhoven tüfteln Ingenieure bereits am 3D-Fernsehen. "Wir sehen die Entwicklung des Marktes von Schwarz-Weíß zu Farbe, von High-Definition zu 3D", sagt Philips-Manager Björn Teuwersen. Das Unternehmen arbeitet wie der Konkurrent Samsung unter Hochdruck an ersten Prototypen. Im Gegensatz zum dreidimensionalen Kino benötigt der Zuschauer beim 3D-Fernsehen keine hässlichen Pappbrillen mehr. Damit der Zuschauer die Tiefe des Bildes erkennt, nutzt die Technik leicht unterschiedliche Blickwinkel von Bildern.
Die Fernsehtechnik von übermorgen hat im Gegensatz zu HDTV bei den Sendern allerdings noch keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Auch ORF-Technikchef Moosmann ist skeptisch: "Die 3D-Technik wird bei Fernsehempfangsgeräten in absehbarer Zeit und zu vernünftigen Kosten nicht umsetzbar sein."
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