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Verzettelt sich der Suchmaschinen-Gigant?

09.09.2008 | 13:24 Uhr |

Unter den Suchmaschinen ist Google noch immer Spitzenreiter. Zahlreiche Nebenprojekte könnten jedoch dafür sorgen, dass das Unternehmen seine Kernkompetenz vernachlässigt.

Zwar ruht sich Suchmaschinen-Marktführer Google nicht auf seinen Lorbeeren aus und arbeitet kontinuierlich daran, seine Internetsuche zu verfeinern und zu verbessern. Daneben tanzt das Unternehmen mittlerweile aber auf mehreren Hochzeiten und steckt Ressourcen und Energie in Dienste, die nichts mit der umsatzstarken Suchmaschine zu tun haben. Die Frage ist, ob sich das Unternehmen dabei nicht verzettelt.

Zahlreiche Konkurrenten versuchen mittlerweile, Google mit Suchalternativen Nutzer abzujagen. Manche setzen dabei auf die semantische Suche, wie zum Beispiel Hakia und Microsofts Powerset . Statt nur nach Schlüsselwörter zu suchen, versuchen sie, die Webinhalte zu verstehen und mit den Suchbegriffen in Kontext zu setzen. Anbieter wie Mahalo und Wikia Search geben dem Nutzer die Möglichkeit, Suchergebisse selbst zu beeinflussen, indem sie zum Beispiel die Resultate bewerten. Google favorisiert bislang einen automatisierten Prozess. Yahoo, der ewige Zweite auf dem Suchmaschinenmarkt, veröffentlichte kürzlich die offene Suchplattform Search Monkey , bei der Entwickler eigene Anwendungen programmieren können, um die Suchresultate zu verbessern.

Suchmaschinen wie Ixquick und Clusty wiederum versprechen Nutzern mehr Datenschutz als Google, während sich spezialisierte Suchmaschinen auf bestimmte Bereiche konzentrieren. So kann man mit Blinkx zum Beispiel nur nach Videos fahnden. Andere Search Engines suchen in den Untiefen des Webs nach Dokumenten, die herkömmlichen Webcrawlern durch die Lappen gehen.

Alle gehen dabei nach derselben Strategie vor: eine Schwachstelle von Google zu finden und eine bessere Alternative anzubieten. So mag Google dem Markt derzeit zwar dominieren, das kann sich aber schnell ändern. Denn eine Suchmaschine ist schnell gewechselt: Da sie keine Software installieren oder deinstallieren bzw. mühsam gespeicherte Daten verschieben müssen, probieren Nutzer gerne mal was Neues aus. Googles Anzeigenumsatz hängt jedoch direkt von der Popularität der Suchmaschine ab. Deshalb wirkt es sich sofort auf die Finanzlage des Unternehmens aus, wenn eine große Zahl von Nutzern zur Konkurrenz abwandert. „Googles Marktmacht kann sich über Nacht ändern“, sagt Branchenanalyst Rob Enderle von der Enderle Group .

Die Liste an Google-Diensten neben der reinen Internetsuche ist lang - und oft hat man den Eindruck, dass das Unternehmen hier nicht sorgfältig arbeitet. Er ist im Juni hatte die Anti-Malware-Initiative Stopbadware.org das Google-Netzwerk als Spamschleuder ausgemacht. Vor allem die systematische Verbreitung von Malware auf Blogger-Sites brachte Google auf Platz 5 der Anbieter mit den meisten schädlichen Websites.

„In der Security-Branche sind die Google-Probleme seit ein, zwei Jahren kein Geheimnis. Wirklich eingegriffen hat das Unternehmen bisher aber nicht“, so Robert Hansen, CEO der Websecurity-Beratungsfirma SecTheory . So berichtete zum Beispiel Managed-Serviced-Provider MessageLabs in diesem Jahr, dass Anwender über Googles Fotoseite Picasa und die Online-Anwendung Google Text & Tabellen auf Malwareseiten gelenkt werden können. „Bei Google reagierte man bisher eher schleppend, wenn solcher Missbrauch bekannt wurde“, sagt Matt Sergeant, Sicherheitsspezialist bei Message Labs. Konkurrenzunternehmen, die ebenfalls Hosting-Dienste für Fotos, Dokumente und Ähnliches anbieten, seien da wesentlich flinker.

Ein Google-Sprecher dementiert die Vorwürfe: „Wir gehen davon aus, dass Spammer jede denkbare Möglichkeit nutzen, um ihre Mails zu versenden. Deshalb bekämpfen wir bei Google das Problem mit Vehemenz. Entsprechende Konten werden sofort deaktiviert, und das wird auch so bleiben.“ Enderle bezweifelt dies aber. „Am Ende ist Google verantwortlich, wenn Probleme auftreten, und es schadet der Marke. Die Anwender verlieren das Vertrauen. Zu Beginn dieses Jahrzehnts hatte Microsoft ähnliche Sicherheitsprobleme, und das Unternehmen musste es bitter büßen. Bei Google könnte es ähnlich kommen.“

Neben der Spam-Problematik muss sich Google täglich mit tausenden von Beschwerden und Fragen herumschlagen, die Nutzer der verschiedenen Online-Dienste haben. Dazu zählen unter anderem der Webmailer Google Mail , der Instant Messenger Google Talk , der Terminplaner Kalender , der RSS-Feed-Manger Reader , das soziale Netzwerk Orkut , das Wissensportal Knol , das Online-Zahlsystem Checkout , das Google Notizbuch , die virtuelle 3D-Welt Lively und der Browser Chrome . Daneben bietet Google Enterprise Dienste speziell für Unternehmen an, etwa die Kollaborationssuite Google Apps . Hinzu kommt eine wachsende Zahl an Programmierschnittstellen (APIs) zu den einzelnen Verbraucher- und Unternehmens-Diensten. Die Heerschar an Entwicklern, die diese nutzen, ist sehr anspruchsvoll und sucht beständig nach Verbesserungen.

Nicht zu vergessen sind die für das Unternehmen wichtigen Werbekunden, denen das Unternehmen seit jeher ein automatisches Online-System zur Verfügung stellt. Will Google seine Markenwerbung aber ausweiten, wird man um mehr persönlichen Kontakt mit Großkunden nicht herumkommen. Und als wäre dies alles noch nicht genug, will Google auch auf dem Mobilmarkt mitmischen, beispielsweise mit der ambitionierten Android-Plattform, die die Google-Dienste auf Handys bringt.

Ob sich der Einsatz für all diese Projekte lohnt, wird sich nur am Erfolg jedes einzelnen messen lassen, die schiere Zahl ist jedoch beeindruckend, selbst für ein Unternehmen mit 20.000 Angestellten. „Google ist so abgelenkt durch die vielen verschiedenen Dienste, dass am Ende die Qualität leidet. Sie schaufeln sich letztlich ihr eigenes Grab“, ist sich Enderle sicher. In der Vergangenheit sei das auch anderen großen Firmen wie Intel oder Microsoft passiert. „Dieser Fehler wird häufig gemacht: Man versucht zu viel auf einmal und vergisst seine Kernkompetenzen.“

Tatsächlich hat Google bei aller Aktivität und Entwicklungsfreude auch ein paar echte Flops produziert und manche Trends schlicht verpasst, erklärt Greg Sterling von Sterling Market Intelligence . Google Video floppte beispielsweise, und schließlich gab das Unternehmen 1,6 Milliarden US-Dollar aus, um Youtube zu kaufen. Auch den Einsatz bei sozialen Netzwerken hat man glatt verschlafen. Orkut dümpelt vor sich hin, während MySpace, Facebook und andere schnell gewachsen sind.

Manche Dienste werden mit großem Marketingetöse angekündigt und entpuppen sich als Enttäuschung, wie etwa die Kombination von Checkout und Google Base, die sich zum Konkurrenten von eBay entwickeln sollte, wozu es aber nie kam. Manche Projekte wurden angefangen und verschwanden dann lange von der Bildfläche oder tauchten gar nicht mehr auf. „Google macht nicht alles richtig, auch sie sind fehlbar. Einige Projekte schlagen ein, andere gehen daneben. Das Unternehmen verzweigt sich sehr schnell, wir haben es heute mit einer komplett anderen Firma als vor zwei Jahren zu tun. Google hat sich zu einem großen, bürokratischen Gebilde entwickelt“, so Sterling.

Es bleibt abzuwarten, ob Google in zehn Jahren noch immer die Spitze im Suchmaschinenmarkt sein wird - und einen unübersichtlichen Berg an Nebenprojekten mit sich herumschleppt.

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