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Flatrate-Urteil - was nun?

16.11.2000 | 16:11 Uhr |

Die Wogen schlagen hoch nach dem Urteil der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, demzufolge die Telekom ihren Wettbewerbern künftig einen Pauschalpreis für den Internetzugang gewähren muss. Gegenüber der PC-WELT haben sich Telekom, T-Online und ehemaligen Flatrate-Anbieter zum Urteil der Regulierungsbehörde geäußert.

Die Wogen schlagen hoch nach dem Urteil der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, demzufolge die Telekom ihren Wettbewerbern künftig einen Pauschalpreis für den Internetzugang gewähren muss.

Bis 1. Februar muss die Telekom ihr Pauschalangebot machen. Die Internetprovider hoffen, dass die Telekom ihr Angebot jedoch schnellstmöglich vorlegt, damit Konkurrenten der Telekom ihre Flatrate-Angebote den deutschen Internetkunden offerieren können. Alle Internetprovider stimmen darin überein, dass man jetzt umgehend das Angebot der Telekom bekommen müsse, um dann sofort tragfähige Konzepte erstellen zu können.

Die Telekom sieht sich in einer ungerechten Situation und spricht von einer "eklatanten Fehlentscheidung" zu Lasten des Kunden. Man solle den Ausbau des Breitbandnetzes alleine finanzieren und zugleich das bestehende Schmalbandnetz den Konkurrenten preisgünstig anbieten. Das Beispiel Frankreichs zeige zudem, welche negativen Auswirkungen zu viele Flatrates für das herkömmliche Telefonnetz haben würden. Dort kam es nämlich zu massiven Kapazitätsengpässen. Dies befürchtet die Telekom nun auch für das deutsche Telefonnetz. Man müsse in Zukunft unweigerlich Wartezeiten beim Telefonieren und beim Einwählen in das Internet in Kauf nehmen, wenn in großen Mengen Flatrate-Nutzer in das Schmalbandnetz drängen.

Die Telekom empfiehlt als Reaktion auf dieses Urteil allen Kunden, sich für T-DSL zu entscheiden. Nur mit dieser Breitbandtechnik wären moderne Einsatzgebiete wie Videokonferenzen per Internet ohne Netzüberlastung möglich. Dieses Urteil sei ein "Rückschritt gegen den Kunden" und würde "eine schlechtere Technik zum Kunden bringen", da es den Ausbau des Schmalbandnetzes zu Lasten des Breitbandnetzes favorisiere. Zudem habe die Regulierungsbehörde die Höhe des Pauschalangebotes nicht festgelegt. Hier müsse man erst sehen, was möglich und wirtschaftlich sinnvoll sein.

AOL begrüßt wie alle Internetprovider diese Entscheidung. "Dies sei ein Schritt in die richtige Richtung", meinte der Pressesprecher von AOL. Da die Höhe des Pauschaltarifs noch nicht feststehe, könne man nun natürlich noch keine absoluten Zahlenangaben zur Höhe einer möglichen AOL-Flatrate machen, doch strebe man einen Preis von deutlich unter 50 Mark an. Vorbild könne hierfür das FRIACO-Modell aus Großbritannien sein. Dort werde AOL zufolge eine tadellos funktionierende Flatrate für 14,99 Pfund, also ca. 45 Mark angeboten.

Diese britische Flatrate wurde vor einigen Wochen eingeführt und sei laut AOL auf Anhieb ein großer Erfolg gewesen. Zudem seien dort anders als in Frankreich nie technische Probleme aufgetreten. AOL schlägt vor, dieses Modell von der britischen Insel für Deutschland zu übernehmen. Außerdem solle sich die Telekom mit allen Internet Service Providern Deutschlands an einen Tisch setzen, um eine für alle Seiten und ganz besonders für die Kunden zufrieden stellende Lösung zu finden. Dabei betonte der Sprecher von AOL: "AOL kämpft nicht gegen die Telekom, sondern für den deutschen Konsumenten".

Den Vorwurf der Telekom, dass es im Schmalbandnetz zu Kapazitätsproblemen ähnlich wie zuvor in Frankreich kommen würde, wies AOL zurück. In Frankreich hatte AOL für 99 Francs pro Monat eine Flatrate angeboten. Im Vorfeld dieses Angebots habe man die Zahl der Ports, also der Modemzugänge verdoppelt. Doch auf Grund des enormen Ansturms habe das nicht ausgereicht und es sei tatsächlich zu Engpässen gekommen. Diese seien jedoch intern bei AOL entstanden, nicht jedoch im französischen Telefonnetz. Somit sei der Vorwurf der Telekom, dass nun auch in Deutschland das Telefonnetz überlastet sein würde, gegenstandslos.

Zudem sei die von der Telekom verbreitete Aussage, dass AOL seine Flatrate in Frankreich zurückgenommen habe, schlichtweg falsch. AOL investiert 600 Millionen Mark in den Ausbau seiner Internetinfrastruktur in Frankreich und wird die Flatrate definitiv aufrecht erhalten. Auch eine Aussetzung der Flatrate sei nicht geplant. Mittlerweile wird die AOL-Flatrate in Frankreich jedoch mit einigen Einschränkungen angeboten. In den Morgenstunden und zwischen 18 und 21 Uhr wird der französische AOL-Kunde nach 30 Minuten Onlinezeit vom Online-Dienst getrennt.

Dass Argument der Telekom, dass in Deutschland das Telefonnetz einen Ansturm der Flatrates nicht verkraften würde, stehe zudem in Widerspruch zu den früheren Bekundungen der Telekom über die gute Qualität des deutschen Telefonnetzes. Denn dies würde ja im Unkehrschluss bedeuten, dass das britische Netz, dass die Flatrate problemlos bewältigt, besser als das deutsche sei.

Die Klage der Telekom, dass man von ihr verlangt, das Breitband-(T-DSL)-Netz auf ihre Kosten weiter auszubauen, gleichzeitig aber das Schmalbandnetz kostengünstig für die Konkurrenz zu öffnen, wurde von AOL ebenfalls zurückgewiesen. Denn die Internetserviceprovider müssten ihre Kapazitäten ja vorab bei der Telekom einkaufen, woran die Telekom auf jeden Fall verdienen würde. AOL & Co. finanzieren somit den Ausbau des Schmalbandnetzes.

Dass die Telekom nur im T-DSL-Ausbau die Zukunft sieht, kann AOL ebenfalls nicht akzeptieren. "DSL ist ohne Zweifel eine innovative Technik", so AOL, "doch können bundesweit erst 300.000 Kunden T-DSL nutzen." Was sei mit den übrigen 19,9 Millionen Internetbenutzern in Deutschland? Da die Mehrheit noch gar nicht an T-DSL angeschlossen werden könnte, wären diese von der Flatrate ausgeschlossen. Zudem entstünde aus Kostengründen eine Zweiklassengesellschaft, da sich nicht jeder die teuere DSL-Flatrate leisten können.

Auch Sonnet will zunächst die offizielle Bekanntgabe der Entscheidung abwarten. Doch auch hier freut man sich über dieses Urteil. Man hofft wie auch AOL auf ein möglichst schnelles Angebot der Telekom, um dann neue günstige Flatrates anbieten zu können. Dabei werden vielleicht auch für Privatkunden interessante Angebote erstellt werden, der Fokus liege aber bei gewerblichen Anbietern.

M.I.C. hatte ebenfalls eine so genannte Funflat im Angebot, diese aber eingestellt, da sie nicht rentabel war. Der Grund seien die hohen Abgaben an die Telekom gewesen. Man habe dieses Urteil, das ein "Meilenstein" sei, erwartet und werde nun die Flatrate vielleicht zu einem Preis unter 50 Mark im Monat wiederbeleben. "Dies sei der Durchbruch für das Internet in Deutschland, besonders für den Normalbenutzer". Man gab aber zu bedenken, dass noch nicht klar sei, wie die Telekom mit ihrer Tochter T-Online abrechnen würde. Pauschal oder minutengenau? Hier könne es noch zu Verzerrungen kommen.

Internet-Kunden können sich also auf einen heißen Jahresanfang gefasst machen. (PC-WELT, 16.11.2000, hc)

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