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Fast sicher: Corel trennt sich von Linux

15.12.2000 | 16:39 Uhr |

Der kanadische Grafikgigant Corel steckt in Schwierigkeiten. Schon seit längerem kursieren Gerüchte, dass Corel deshalb seine offensichtlich nicht ausreichend profitable Linuxsparte abstoßen möchte. Nun scheint aus den Gerüchten Realitäten zu werden.

Der kanadische Grafikgigant Corel steckt in Schwierigkeiten. Schon seit längerem kursieren Gerüchte, dass Corel deshalb seine offensichtlich nicht ausreichend profitable Linuxsparte abstoßen möchte. Nun scheint aus den Gerüchten Realitäten zu werden.

CEO Derek Burney hatte sich erst vor einigen Wochen auf der Comdex dahingehend geäußert. Um die finanziellen Probleme von Corel zu lösen, erwäge man den Verkauf einzelner Sparten, zu denen auch Linux zähle. Bisher setzt sich der Corel-Konzern aus folgenden vier Sparten zusammen: WordPerfect (die jahrelang in den USA führende Textverarbeitung, zuvor von Novell abgekauft), Grafik (mit dem berühmten Corel Draw Paket war Corel groß geworden), Linux und dem etwas nebulösen R & D.

Die Firma Progeny wurde mit als erster potentieller Käufer für das Linuxsegment genannt, doch deren Chef Bruce Perens winkte ab.

Im Sommer hatte Corel schon 320 Mitarbeiter entlassen, um Kosten zu sparen. Im Oktober war ausgerechnet der Microsoftkonzern mit 135 Millionen Dollar bei Corel eingestiegen. Im Gegenzug verpflichtete sich Corel, seine Softwareprodukte kompatibel zu Microsofts .net-Plänen zu machen.

Nun ist davon die Rede, dass das Venture Capital-Unternehmen Linux Global Partners (LGP) die Linuxabteilung von Corel gegen 5 Millionen Dollar in bar und einem 20 Prozentanteil an dem neu gegründeten Linuxunternehmen abkaufen möchte. Sowohl Corel wie auch LPG halten sich jedoch bedeckt und wollen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu diesen Vermutungen äußern.

Möglicherweise, so wird gemunkelt, ist es auch genau anders herum. Vielleicht möchte Corel ein Unternehmen aus dem Dunstkreis von LGP aufkaufen? Denn Burney hatte selbst gesagt, dass "man, um auf dem Linux-Markt erfolgreich sein zu können, eine breite Produktsparte bräuchte". LGP besitzt in der Tat Anteile an mehreren Linuxunternehmen, darunter auch die Firma CodeWeavers, von der Wine stammt. Wine ist einer der bekanntesten Windows-Emulatoren für Linux.

In der offiziellen Presseerklärung auf der Corel Webseite, in der sich Derek Burney zur Entwicklung bei Corel äußert, ist von den Verkaufsabsichten noch nicht die Rede. Im Gegenteil. "An der Linuxfront", wie sich Burney fast schon im Stil eines Militärattaches ausdrückte, "habe Corel aggressiv seine Entwicklungsanstrengungen fortgesetzt. So sollten die Kunden maximale Flexibilität und Auswahlmöglichkeit bekommen." Auf der Comdex wäre nicht nur eine verbesserte Linuxdistribution vorgestellt worden, sondern auch ein passendes Office- und Grafikpaket.

Dieses Statement datiert vom November 2000. Entweder handelt es sich hier um eine bewusste Verschleierungstaktik, oder Corel will tatsächlich auch auf dem Linuxsektor wachsen. Hier wäre jedenfalls umgehend ein Update nötig.

Und dann stellt sich natürlich noch die Frage, ob nicht Microsoft sein eigenes Süppchen kocht. Denn der Einkauf bei Corel macht Sinn, wenn Corel Softwareprodukte für Windows oder das künftige .net herstellen soll. Der Ausbau einer Linuxdistribution dürfte hingegen kaum auf allzu viel Gegenliebe in Redmond stoßen. Schließlich möchte man dort ja nicht die Konkurrenz im eigenen Hause fördern. Ein Schelm wer böses dabei denkt. (PC-WELT, 15.12.2000, hc)

PC-WELT Spezial: Linux

Verkauft Corel seine Linux-Sparte? (PC-WELT Online, 21.11.2000)

KDE-League gegründet (PC-WELT Online, 16.11.2000)

Gratis: Corel Linux OS (PC-WELT Online, 15.08.2000)

Corel schöpft Hoffnung (PC-WELT Online, 28.06.2000)

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