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Facebook schützt nicht vor Einsamkeit

03.07.2010 | 14:31 Uhr |

Social Networks helfen nicht dabei, enge Freundschaften zu schließen. Im Gegenteil, sie können Menschen in Einsamkeit, Schlaflosigkeit oder Stress treiben, sagen Forscher der University of Arizona.

Schuld daran sei die häufig zu beobachtende Oberflächlichkeit des Kontakts mit der Vielzahl an gesammelten "Freunden". Diese rufe bei manchen Menschen Distanzgefühlen hervor, ermittelten die Forscher in einer Studie. Dass Facebook und Twitter den Begriff der Freundschaft verändert haben, sieht auch der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli . "War sie ursprünglich ein 'dem anderen Gutes wollen', so bedeutet sie im Internet oft, dass man andere über die aktuelle Befindlichkeit informiert, Nachrichten eines anderen abonniert und Teilnahme zeigt." Seien Social-Networks-Kontakte Freundschaften, so höchstens deren oberflächlichste Form. Die weit verbreitete Mitteilung von Belanglosem senke zudem die Aufmerksamkeit erheblich.

Im Widerspruch dazu steht freilich die durchschlagende Beliebtheit der Netzwerke. Für Bonelli ist diese ein Zeichen der Sehnsucht vieler, wahrgenommen zu werden, sowie auch des Narzissmus. "Jeder will gerne viele Freunde haben und sich anderen mitteilen." Gerade das Freundschaft-Schließen per Mausklick könne aber zum Problem werden, sobald die Jagd nach möglichst vielen Kontakten Überhand nimmt. "Technisch ist es möglich, 500 oder mehr Facebook-Freunde zu besitzen. Über eine gute soziale Vernetzung sagt das aber wenig aus."

Grundsätzlich sind soziale Netzwerke neutral zu bewerten, betont der Experte. "Sie helfen, einen bestehenden Kontakt aufrecht zu erhalten. Wer eine Freundschaft über Facebook schließt, bleibt aber oft auf dieser Ebene, ohne jemals in realen Kontakt zu treten." Speziell Menschen mit Sozialphobien können oft nur anonym über Facebook kommunizieren, während es außerhalb nicht klappt. "Wer sonst ein gelungenes Leben führt, wird auch mit dem Internet gut zurecht kommen. Wird das Medium als Kriterium für gelungenes Leben, gibt es ein Problem."

Um die Vorteile der sozialen Netzwerke bestmöglich zu nutzen, rät der Psychotherapeut, sie mit Maß einzusetzen. "Zielführend ist sicher die Überlegung, wofür man sie nutzen will und was das Ziel ist. Online-Medien taugen nur sehr bedingt dazu, gemeinsam ein Bier zu trinken."

Die US-Studie liefert einen Hinweis dafür, warum manche Menschen trotz vieler Kontakte einsam sind. "Einsamkeit beruht auf sehr subjektiver Wahrnehmung. Die gleiche Situation kann von einsamen Menschen als Problem wahrgenommen werden, von anderen jedoch nicht", berichten die Forscher in der Zeitschrift "Health Communications". Einsamkeit ist laut ihrer Definition der Unterschied zwischen dem Niveau an Sozialkontakten, das ein Mensch erreicht hat und dem, das er ersehnt.

(pte)

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