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"In erster Linie profitiert der Patient"

02.05.2009 | 13:47 Uhr |

Österreich will seiner EU-weiten Vorreiterrolle im Bereich der elektronischen Dienstleistungen nach e-Government auch beim Thema e-Health gerecht werden.

"Nach einem gewissen Verzögerungseffekt kommt nun Bewegung in ELGA. Als erste große Anwendung wollen wir das Thema e-Medikation umsetzen", erklärte Clemens Auer, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit, anlässlich einer von Conect organisierten e-Health-Tagung am Mittwoch in Wien. Die Realisierung des bundesweiten elektronischen Gesundheitsaktes (ELGA) hatte zunächst vor allem Datenschützer auf den Plan gerufen. "Jetzt geht es darum, lokale Ängste zu überwinden und Patienten und Gesundheitsdienstleistern vom Nutzen zu überzeugen", so Auer. Denn während die Umsetzung von E-Health im öffentlichen Gesundheitssystem Doppelgleisigkeiten vermeiden und Ressourcen schonen könne, profitiere letztlich vor allem der einzelne Patient, zeigte sich Auer überzeugt. In Zukunft sollen relevante medizinische Daten, aber auch Medikationen bzw. Befunde und Untersuchungsergebnisse elektronisch gespeichert werden. Damit soll die Kommunikation zwischen Patienten, Ärzten, Krankenhäusern und Apotheken verbessert werden. Durch einen besseren Informationsaustausch könnten etwa Risiken für Komplikationen bei Medikationen oder (Not-)Operationen gesenkt und organisatorische Abläufe im Gesundheitswesen erleichtert werden. Ähnlich den e-Government-Funktionen sollen Patienten über ein Webportal auf ihre relevanten Daten zugreifen können. Die Abfrage von Daten durch Ärzte soll hingegen transparent und nur mit ausdrücklichem Einverständnis der Patienten erfolgen.

Mit Partnern aus der Wirtschaft soll nun in Österreich die Basis-Infrastruktur auf Schiene gebracht werden. Auer warnte in diesem Zusammenhang vor "einsamen" proprietären Lösungen. Vielmehr handle es sich bei e-Health um ein Thema von europäischer Dimension. Daher gelte es sich sowohl in technischer als auch mentaler Hinsicht zu öffnen und sektoren- wie grenzüberschreitende Lösungen zu entwickeln. Auf politischer Ebene wähnte Auer Schweden, Frankreich aber auch Deutschland mit im Boot, was die übernationalen Bestrebungen betrifft. Gerade Deutschland tut sich derzeit mit der nationalen Umsetzung einer e-Health-Strategie allerdings noch schwer, wie auch andere Tagungsteilnehmer bestätigten.

Aber auch in Österreich läuft noch nicht alles rund. "Die Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Missbrauchsgefahr sind Ernst genommen worden. Was allerdings sehr verwundert, ist die fehlende umfassende Information der Bevölkerung", kritisierte etwa Alexander Ortel von der Patientenanwaltschaft Niederösterreich im Gespräch mit pressetext. In die selbe Kerbe schlug auch Christian Maranitsch, Leiter des Public Sector bei Microsoft Austria: "Die Bewusstseinsbildung ist in Österreich viel zu wenig ausgeprägt. Während etwa in Kanada bis zu 80 Prozent der Bevölkerung vom Nutzen von e-Health überzeugt ist, weiß zwei Drittel der Österreicher gar nicht, warum es sich bei e-Health handelt und favorisiert schließlich die Investition in andere medizinische Leistungen." Die Politik wiederum müsse das Thema e-Health als volkswirtschaftliches betrachten und dürfe keine simplen Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellen, so Maranitsch.

Manfred Rieser von der Telekom Austria mahnte hinsichtlich der von Sektionschef Auer angesprochenen Basisinfrastruktur ein, dass diese gewissen Normen und Regeln entsprechen müsse: "Ich denke die Finanzierung und Ausschreibung sollte direkt über das ELGA-Projekt laufen. Denn wenn man dies den einzelnen Gesundheitsdienste-Anbietern überlässt, läuft man Gefahr, dass am Ende des Tages ein Sammelsurium an Infrastruktur herauskommt, mit dem die geforderten Funktionen ganz einfach nicht erfüllt werden können." Die Wirtschaft sei sicher auch bereit zu investieren, gleichzeitig müsse sie sich auch auf die Politik verlassen können, dass das Risiko minimiert und der Return of Investment mittelfristig gewährleistet werde, so Rieser.

Die geringen Investitionsbeiträge, die derzeit für die Umsetzung von ELGA vorgesehen sind, wurden auch von den anderen Wirtschaftsvertretern kritisiert. So meinte etwa Walter M. Bugnar von Siemens IT Solutions and Services, dass man in Teilbereichen mit geringen einstelligen Mio-Beträgen ein Einsparungspotenzial von rund 150 Mio. Euro im Jahr erzielen könne. Als Beispiel nannte er das von Siemens und der österreichischen Apothekerkammer umgesetzte Projekt Arzneimittelsicherheitsgurt, das in Salzburg das Thema e-Medikation bereits vorweg genommen hat. Patienten können bei der Abholung von Medikamenten in der Apotheke elektronisch prüfen lassen, ob die neuen Medikamente mit bereits verschriebenen oder gekauften Medikamenten komplikationsfrei eingenommen werden können. Um die Privatsphäre der Patienten zu wahren, werden dem Apotheker nur die problematischen Medikamentenkombinationen angezeigt.

Herlinde Toth vom Wiener Krankenanstaltenverbund verwies diesbezüglich auf den vorgeschriebenen Sparkurs der Krankenanstalten. So sei das EDV-Budget relativ knapp bemessen und derartige Großprojekte wie ELGA mit normalen IT-Budgets in kurzer Zeit kaum stemmbar. Darüber hinaus müsse man realistisch sein, was das Einsparungspotenzial bedeute. "Solche Systeme wie die elektronische Patientenakte führen erst dann zu Einsparungen, wenn diese quantitativ mit vielen Daten befüllt sind und auch eine entsprechende Verbreitung und Akzeptanz in der Bevölkerung genießen. Das wird sicherlich noch Jahre dauern, bis dies der Fall ist", so Toth.

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