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Die Eroberung des Cyberspace

23.09.2005 | 18:24 Uhr |

Deutsche Filmspezialisten erschaffen eine Kommandobrücke für simulierte Reisen in künstliche Erlebniswelten – zunächst als exklusives High-End-Spielzeug, später für das Wohnzimmer.

Nichts Geringeres als die „Grundlage für einen neuen Zweig der digitalen Unterhaltungsindustrie“ entsteht unmittelbar vor den Toren Berlins, wenn es nach Bernd Willim geht. Der umtriebige Präsident der German Film School holt gut vier Jahre nach dem Start von Deutschlands einziger privater Filmhochschule zu seinem zweiten Innovationsstreich aus: Etwa zwölf Kilometer im Westen der Hauptstadt will er zusammen mit deutschen und amerikanischen Investoren Hunderte Digital Artists, Programmierer und Elektronikspezialisten einen Science-Fiction-Traum verwirklichen lassen. Etwa im Jahr 2009 soll es so weit sein: Wer dann den ultimativen Spiele-Kick sucht, starrt nicht auf eine Mattscheibe, sondern steigt in ein futuristisches Gefährt und übernimmt dort den Steuerknüppel. Der persönliche Simulator Merkaba befördert ihn auf eine Reise durch künstliche Erlebniswelten: Innenansichten der Erde oder des menschlichen Körpers, ferne Galaxien, authentische Nachbildungen von Städten, Landschaften oder prähistorische Zeiten. Das Besondere wird sein, dass der Nutzer mit nahezu allen Sinnen mitten in seinem Abenteuer steckt. Der Blick aus den Scheiben, die in Wirklichkeit hochauflösende Foliendisplays sind, zeigt vorüberziehende Welten; Hydraulik-Elemente rütteln den Abenteurer bei jedem Ausweich- oder Bremsmanöver gehörig durch. Dazu ertönt Rundum-Sound der simulierten Welten aus der Lautsprecheranlage im Cockpit. „Man kann sich viele Stunden, ja tage- oder wochenlang in solchen Umwelten aufhalten“, schwärmt Willim, der schon in den 80er-Jahren mit Buchveröffentlichungen zur Computergrafik der digitalen Kreativität hierzulande den Weg ebnete. „Das Schwierige daran ist, virtuelle Umgebungen zu entwickeln, die eine ausreichend hohe Auflösung haben und sich lebensecht verhalten“, so der Merkaba-Vordenker. Die künstliche Umwelt muss sich dazu exakt nach physikalischen Gesetzen verhalten. So wie es heute auf PC-Bildschirmen bereits annähernd gelingt, aber eben noch realistischer und in viel größerem Maßstab: Oberflächenstruktur von Materialien, Haare, Wasser und Wellen, Lichtreflexe,Schatten und Beleuchtung – all das muss realistisch für riesige Szenarien in jeder Sekunde dutzendfach berechnet und in einer Auflösung von vielen Millionen Pixeln an den Cockpitfenstern dargestellt werden. So kann man dem Merkaba-Reisenden eine täuschend echte Umwelt vorgaukeln. Willim: „Die Rechen-Power dazu werden wir in ein paar Jahren haben.” Zudem sollen die künstlichen Welten ein Eigenleben entwickeln. Objekte müssen sich im Laufe der Zeit verändern: Pflanzen sterben ab oder wuchern, Tiere wachsen, altern und vermehren sich, Materialien bekommen möglicherweise Risse. „Wenn der Merkaba-Pilot es wünscht, ist nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub im Simulator die Zeit vorangeschritten und gerade ein Dinosaurier-Junges geschlüpft“, beschreibt Willim die Entfaltung der Kunstwelt. Abgesehen davon wird die Zeit vermutlich in den meisten Abenteuern schon im Normalfall im Zeitraffer- Tempo ablaufen, damit erst gar keine Langeweile aufkommt.

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